[Rezension] Kristín Marja Baldursdóttir: Sterneneis

Nie hätte sie sich vorstellen können, dass ihr einmal so etwas passiert. Doch nun ist Gunnur einem Raub zum Opfer gefallen. Mitten in der Nacht waren sie gekommen, die Einbrecher, wühlten in ihren Sachen, entwendeten Laptop, Handy, Schmuck und waren sogar in ihrem Schlafzimmer! Eines ist klar: Sie kann nicht hierbleiben, nicht jetzt.

Gunnur beschließt aufs Land zu fahren. Kurz vor ihrer Abreise steht plötzlich eine Bekannte vor ihrer Tür, mit einer Bitte an Gunnur, die eigentlich keine Bitte ist. Und ehe Gunnur einen klaren Gedanken fassen kann, steht sie da, zusammen mit Hugrun, der vierzehnjährigen Tochter ihrer Bekannten, auf die sie die nächsten Tage ein Auge haben soll.

Notgedrungen nimmt Gunnur das Mädchen mit in ihr Sommerhaus. Doch wie verbringen eine Frau in den Fünfzigern und ein Teenager drei Tage in völliger Abgeschiedenheit, wenn Handy, PC und Fernsehen ihren Dienst versagen?

Sterneneis” ist das neuste Werk der bekannten isländischen Autorin Kristín Marja Baldursdóttir auf dem deutschen Buchmarkt, und bereits im Jahre 2009 in Island erschienen.

Das Buch präsentiert sich mit einem wirklich wunderschönen Cover, das in einem ähnlichen Stil gestaltet ist wie auch die bisherigen deutschen Ausgaben von Kristín Marja Baldursdóttir’s Büchern. Die Aufmachung und der gewählte Titel waren es übrigens auch, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht haben.

Ich bin relativ unbefangen an das Buch herangegangen, habe mir aber schon ein leicht philosophisch angehauchtes Werk gewünscht, den dazu bietet der gewählte Handlungsrahmen genügend Möglichkeiten.

“Wie sehr wünsche ich mir, draußen in der Natur zu sterben, in den grünen und violetten Farben, mit der Zeit langsam in den Boden hinein zu verschwinden, wie die Blätter eines knorrigen Birkenwäldchens.”
(Sterneneis, S. 38)

Hauptperson ist Gunnur. Mitten in den Fünfzigern, Psychotherapeutin und kürzlich Opfer eines Einbruchs. Aus ihrer Perspektive wird die Geschichte erzählt, was wohl vor allem dazu dienen soll, dem Leser tiefere Einblicke in Gunnur’s Gefühlswelt zu ermöglichen. So arbeitet sie im Laufe der Zeit im Sommerhaus ihre Kindheitserinnerungen auf, in der sie sich mehr als nur einmal als Ballast, als nur im Weg gefühlt, sie erzählt von ihrer ersten Liebe, ihrem Leben. Gunnur ist ganz klar erwachsen und wirkt doch oft in ihren Gedanken und Handlung sehr kindlich und naiv. Ich kann sie mir schwer als Psychotherapeutin oder starke Frau vorstellen, gerade auch wenn man bedenkt, wie leicht sie sich das Mädchen Hugrun hat aufschwatzen lassen.

Hugrun, oder auch “das Reh“, ist eine doch etwas sehr verwöhnte Vierzehnjährige, stammt aus einem wohlhabenden Hause, in dem aber ganz deutlich die familiäre Wärme und Zuneigung zu fehlen scheint. Ihre Mutter hat nur die Arbeit und ihre Liebhaber im Kopf, und so verbringt Hugrun die meiste Zeit alleine, isst vor dem Fernseher, um zumindest das Gefühl von Gesellschaft zu haben. So ist es verständlich, dass sie sich krampfhaft an die gemeinsamen Unternehmungen mit Gunnur klammert.

Beide Charaktere haben ihre Schwierigkeiten – mit sich selbst und miteinander -, ihre Eigenarten, und vor allem Hugrun legte Verhaltensweisen an den Tag, die ich durchaus nachvollziehen konnte. Und es ist schließlich nicht einfach, plötzlich mit einer fremden Frau allein zu sein. Mit Gunnur stattdessen konnte ich so gar nicht warm werden, hat sie doch Anwandlungen und Züge, die mehr an einen Teenager erinnern als an eine Erwachsene, und schon gar nicht an eine Psychologin. Gunnur ist in meinen Augen sehr naiv, störrisch und ungemein kindisch.

Zusätzlich geschürt wurde meine Abneigung gegen Gunnur wohl auch dadurch, dass sie als Ich-Erzählerin fungiert. Baldursdóttir scheint mit “Sterneneis” in meinen Augen recht deutlich die Geschichte ihrer Gunnur, die, anhand der Rückblicke, gleichzeitig eine Geschichte über die Frau in Island an sich ist, erzählen zu wollen. Doch was bringt ein Buch, das sich mit der Entwicklung eines Charakters auseinandersetzt, man aber nicht mit der Person warm wird, sich nicht mit ihr identifizieren kann?

Nichtsdestotrotz, das Buch hebt sich stilistisch gesehen von anderen Werken ab, vor allem wohl auch, weil die Autorin keine wörtliche Rede verwendet, und stattdessen die Dialoge fließend im Text verarbeitet. So verwischen die Grenzen zwischen Gesprochenem und Gedachtem, was deutlich zur Atmosphäre des Buches beiträgt. Zusätzlich werden dem Leser Einblicke ins Land und ins Leben der Isländer gewährt, und einige Szenen im Buch sind so wundervoll formuliert, dass sie einem auch nach dem Lesen noch in Erinnerung bleiben.

“Es kommt mit der Dunkelheit. Die Sterne und der Mond, das Verlangen und die Sehnsucht. Verborgene Wesen treten aus den Felsen hervor, tauchen aus der Lava auf, eilen zum Weiher hinunter, wo der Reigen getanzt wird. Das Gedächtnis verliert jegliches Zeitgefühl, glaubt, um Jahrzehnte jünger zu sein, fleigt in die Phantasie hinein.”
(Sterneneis, S. 152)

Bei “Sterneneis” handelt es sich um eine im Ansatz gute Idee, die aber unter einer Hauptperson zu leiden hat, die es einem schwer macht sie als sympathisch oder glaubwürdig zu empfinden. Wunderschöne Formulierungen und Landschaftsbeschreibungen brachten aber zumindest mich dazu, dem Buch bis zum Ende treu zu bleiben. Eine ungeschränkte Empfehlung kann und will ich nicht geben. “Sterneneis” und seine Charaktere wirken wahrscheinlich auf jeden Leser anders, jeder bringt eigene Empfindungen mit hinein in diese Geschichte – die eigentliche Gesamtwirkung von Baldursdóttir’s Konstrukt wird also bei jedem eine andere sein.

Sterneneis von Kristín Marja Baldursdóttir
Karlsvagninn
240 Seiten (Hardcover)
Verlag: Krüger
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3810502667
16,95 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Krüger Verlag sowie bei Lovelybooks für das zur Verfügung gestellte Testleseexemplar.

[Rezension] Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

“Ein einziger Augenblick kann ein Leben ändern.”

Sommer 1990. Ein kleines Dorf nahe der deutsch-deutschen Grenze, die nun eigentlich keine mehr ist.

Maria wird bald siebzehn und wohnt mit ihrem Freund Johannes auf dem Hof seiner Eltern. Das verträumte Mädchen verkriecht sich lieber mit Dostojewskijs “Die Brüder Karamasow” anstatt zur Schule zu gehen – im Gegensatz zu Johannes, der feste Pläne für seine Zukunft zu haben scheint.

Auf dem Nachbarhof lebt der vierzigjährige Henner. Der alleinstehende Mann wird von den Leuten aus dem Dorf eher argwöhnisch betrachtet. Doch der tragische Hauch, der seine Vergangenheit umgibt, ändert nichts daran, dass der charismatische Mann eine gewisse Wirkung auf Frauen hat.

Ein zufälliger Blick, eine Berührung lösen in Maria eine Sehnsucht aus, die so fremd und übermächtig ist, dass sie sich ihr nicht erwehren kann, und sie daher wie von höherer Gewalt geleitet in Henners Haus und seine Arme treibt…

Irgendwann werden wir uns alles erzählen” ist der Debütroman der deutschen Autorin Daniela Krien, und wurde bereits vor seinem eigentlichen Erscheinen an 13 weitere Länder verkauft.

Von diesem Buch habe ich von Anfang an sehr viel erwartet. Diese Erwartungen wurden mehr als nur übertroffen, und nun suche ich nach Worten, die beschreiben, wie unglaublich fantastisch dieses Werk ist. Allein das Cover unterstreicht die Stimmung des Romans, wirkt in seiner Farbgebung älter, der staubtrockene Feldweg, die Gräser und weiter Felder lassen die Hitze des Sommers fast ganz von alleine lebendig werden.

Maria lebt bei der Familie ihres Freundes, statt bei ihrer Mutter. Was zunächst seltsam erscheint, ist für die Familie Brendel selbstverständlich. Ein typischer Generationenhaushalt – Großmutter Frieda, Vater Siegfried, Mutter Marianne, ihr ältester Sohn Johannes, der zwölfjährige Lukas sowie “Knecht” Alfred leben zusammen unter einem Dach. Und solange sie ihre Aufgaben auf dem Hof erfüllt, so scheint Marias Anwesenheit kein Problem darzustellen.

Das siebzehnjährige Mädchen wirkt verträumt, weiß noch nicht, was sie mit sich und ihrer Zukunft anfangen möchte. Während Johannes seinem Abschluss macht und sich immer mehr in der Fotografie verliert, versinkt Maria zusammen mit den Brüdern Karamasow in einer anderen Welt. Bis diese durch Henner gehörig auf den Kopf gestellt wird.

Henner wirkt eher wie ein Gutsbesitzer aus alten Zeiten, hat mit der Landwirtschaft eher wenig am Hut. Einzig und allein für Pferde scheint er ein Talent zu haben. Als Weiberheld und Trunkenbold verschrien, ist er bei den restlichen Dorfbewohnern eher ungern gesehen. Auch charakterlich erscheint Henner zunächst nicht gerade einfach. Doch mit der Zeit schleicht sich auch dieser Charakter ins Herz des Lesers, trotz seiner Eigenarten.

Die Liebesgeschichte zwischen Maria und Henner verläuft keinesfalls so, wie man es vielleicht erwarten würde. Allein der Beginn dieser “Romanze”, die in meinen Augen gar nicht zufälligen und schon fast unsittlichen Berührungen seitens Henners, zeigt schon früh, dass es sich hier nicht um die Erfüllung einer Kleinmädchen-Fantasie handelt. Stattdessen ist diese Liebe heftig, unberechenbar und wild, fast schon verzweifelt, und doch so real, so echt. Allein der Altersunterschied macht diese Beziehung zu etwas Verbotenem, etwas Geheimen. Eine Beziehung, die das Leben der beiden Hauptcharaktere für immer verändern wird, sollte sie jemals ans Licht kommen.

Maria verstrickt sich immer mehr in Lügen, um Möglichkeiten zu finden Zeit mit Henner zu verbringen. Sie schwankt zwischen Euphorie und schlechtem Gewissen, vergießt Tränen, leidet, liebt und lebt. Henner ist ihre Zuflucht, und während Johannes sich immer mehr von ihr abzuwenden scheint findet sie bei ihm Bestätigung.

“Ich taumele von einem Gefühlszustand zum nächsten, lebe von einem Tag zum anderen, ganz und gar gegenwärtig, ganz im Jetzt, und das Jetzt ist der Henner. Johannes und die Zukunft liegen im Ungewissen.”

Daniela Krien erzählt auf der einen Seite eine Familiengeschichte. Eine Geschichte, zu der Maria noch nicht ganz dazu gehört, doch ihr Platz bei den Brendels festigt sich immer mehr. Gleichzeitig ist “Irgendwann werden wir uns alles erzählen” eine Liebesgeschichte. All das spielt sich vor dem Hintergrund der sich auflösenden DDR ab, ein Land, das alle Charaktere dieses Buches unweigerlich gezeichnet hat. Die Öffnung dieses Landes in Richtung Westen, die Möglichkeiten, Veränderungen und Ängste bilden den großen historischen Rahmen, sind aber nie direkt Thema. Denn für Maria, die als Ich-Erzählerin fungiert, ist die offene Grenze, die zunächst wie das Tor zur Freiheit erscheint, plötzlich völlig unwichtig.

Der Autorin gelingt es diese Geschichte, die völlig ohne spannende oder atemraubende Elemente auskommt, doch so zu gestalten, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Maria und Henner verzaubern den Leser, einwickeln einen Bann, der von der ersten Sekunde an verzaubert. Sprachlich einfach und ohne überschwengliche Formulierungen schafft es Krien jedoch, die Sehnsucht wirklich greifbar zu machen, schreibt sie doch ungemein bildlich, dass jedes Wort eine unglaubliche Lebendigkeit ausstrahlt.

Irgendwann werden wir uns alles erzählen” ist ein wunderbares Buch, voller Sehnsucht und Sinnlichkeit, das die Geschichte einer eigentlich verbotenen Liebe erzählt, ohne dabei jemals kitschig oder unrealistisch zu wirken. Ein Buch, so wunderschön, so voller Zauber, Melancholie und Leben; sprachlich einfach und doch so grandios. Absolut lesenswert.

Irgendwann werden wir uns alles erzählen von Daniela Krien
240 Seiten (Hardcover)
Verlag: Graf
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3862200191
18,00 €

Ich bedanke mich ganz, ganz herzlich beim Graf-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Hermann Stefánsson: Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte

Der Schriftsteller Guðjón Ólafsson wacht im Krankenhaus auf, ohne Sprache und ohne Erinnerung daran, wie und warum er dorthin gekommen ist. Sein Vater hilft ihm, den Weg zurück in die Wirklichkeit zu finden, doch um welche Wirklichkeit geht es eigentlich?

 Allmählich gewinnt Guðjón seine Sprache wieder und findet heraus, dass Helena, die ihm sein Vater als seine Freundin vorstellt, und er am europäischen Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz einem durch Medikamente unterstützten Experiment unterzogen worden sind, bei dem es um Zeitreisen in die Vergangenheit ging…

“Die Versuche des Menschen, die Welt um sich herum zu verstehen, ist eine der wenigen Dinge, die das Leben aus der Flachheit der Farce zu tragischen Höhen emporhebt.”
- Steven Weinberg -

Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” von Hermann Stefánsson erschien in Island bereits im Jahre 2008, und hat nun endlich auch den Weg auf den deutschen Buchmarkt gefunden.

Ich hatte von Beginn an sehr große Erwartungen an dieses Buch gestellt. Zum einen hat mich bereits der Titel angesprochen, zum anderen natürlich die Erwähnung von CERN. Wenn man, wie ich, selbst eher im Forschungslabor zu Hause ist, dann erscheint ein solches Buch fast schon wie ein Geschenk des Himmels.

Im Vergleich zu anderen aktuellen Veröffentlichungen ist das Cover von “Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” eher schlicht gehalten, aber meiner Meinung nach würde Stefánssons Werk allein aus diesem Grund in einer Buchhandlung auffallen, denn dezent in Grautönen gehaltene Cover sind heutzutage schon eher eine Seltenheit.

Von der ersten Zeile an zieht einen Steffánssons Werk in seinen Bann. Es ist wunderschön zu lesen, bietet wundervolle Formulierungen, ist mal einfach gehalten, und dann plötzlich wieder hoch philosophisch und wissenschaftlich.

“Weiße Welt stürzt ihm ins Bewusstsein, konfus und fremd. Fragmentarisches Erkennen, verschwommene Grenzen zwischen dem einen Gedanken und dem nächsten.”

Es gelingt dem Autor Guðjóns Verwirrtheit direkt nach dem Aufwachen auf faszinierende Weise sprachlich darzustellen. Verdrehte Worte und Buchstaben wechseln sich mit zusammenhanglosen Gedankenfetzen ab, und lassen es dem Leser ähnlich ergehen wie der eigentlichen Hauptperson.

Guðjóns als Charakter erweist sich als ungemein faszinierend, ist er sich doch seiner eigenen Identität oft selbst nicht sicher. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wird, sind sowohl sein Langzeit- als auch sein Kurzzeitgedächtnis schwer angegriffen. Er vergisst viele Dinge sofort wieder, stellt ständig die selben Fragen, die ihm sein Vater immer wieder beantworten muss. Vor dieser Vaterfigur hatte ich von der ersten Minute an großen Respekt, stellt er sich doch dieser ungemein schweren Aufgaben, die alles an Geduld und Gemütsruhe fordert, die ein Mensch aufweisen kann.

Wechsel zwischen Ich- und Er-Perspektive zeigen zusätzlich als sprachliche Mittel Guðjóns Schwierigkeiten in Sachen Identitätsfindung auf. Er leidet an Flashbacks; macht oft keinen Unterschied zwischen sich selbst und erfundenen oder historischen Persönlichkeiten, in deren Leben er während seiner Anfälle (Ausfälle?) er episodenhaft Einblick gewinnt.

Neben Guðjón fungiert Helena ebenfalls als wichtiger Charakter, der immer mehr Raum einnimmt und Guðjón zeitweise als Erzähler ablöst. Im Gegensatz zum ihm wirkt sie normal, ihre Textpassagen unterscheiden sich deutlich von Guðjóns, sind klarer, direkter und weniger verworren gehalten. Doch bald schon ereignen sich auch in ihrem Leben Dinge, die Fragen aufwerfen – bei ihr und beim Leser.

Und Fragen stellt sich der Leser bei diesem Roman wohl ständig. Was ist real? Was ist Fiktion? Handelt es sich bei dieser oder jener Szene um etwas, das tatsächlich in der realen Welt geschieht, oder doch nur um eine von Gudjons Episoden? Nach und nach kommt Licht ins Dunkel. Das Voynich-Manuskript, Schrödingers Katze als Symbol für einen zeitlosen Wahrscheinlichkeitsraum, Quantenmechanik, Teilchen – all dies beginnt sich zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.

“Traum und Wirklichkeit sind eins geworden, die Zeit legt sich quer, schließlich aber verläuft sie sich.”

Hermann Stefánsson hat mit “Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” einen Roman geschaffen, der sich an wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Amnesie und den Gesetzmäßigkeiten der kleinsten Teilchen der materiellen Welt orientiert, und daraus eine Geschichte formt, die so anders ist, so besonders, so faszinierend, das es kaum passende Worte zu geben scheint, um dieses Werk wirklich gebührend zu würdigen. Kein einfacher Roman, aber in meinen Augen ein wahrer Diamant, der all jene, die sich die Zeit nehmen um in Guðjóns Welt einzutauchen, mit auf eine unvergessliche Reise nimmt.

Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte von Hermann Stefánsson
Algleymi
256 Seiten (Broschiert)
Verlag: litteraturverlag roland hoffmann
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3-940331-07-6
24,90 €
Bezogen werden kann das Buch HIER auf der Verlagswebseite.

Ich bedanke mich ganz, ganz herzlich beim litteraturverlag roland hoffmann und bei Blogg dein Buch für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Lena Ullrich & Giovanni Rigano: Tausend Tode – Sterben will gelernt sein

Ein Spaziergang im Moor ist ein sicheres Ticket ins Jenseits. Handys jagen einem den Blitz direkt ins Ohr. Wer mit Piranhas schwimmt, den skelettieren die blutrünstigen Biester in null Komma nichts. Fischgräten im Hals bedeuten den qualvollen Erstickungstod.

Der Tod lauert im Alltag quasi an jeder Straßenecke. Oder?

Denn die Logik schlägt dem Tod regelmäßig ein Schnippchen. Gespickt mit Fakten und im Namen der Wissenschaft entlockt dieses Buch Gevatter Tod seine bestgehüteten Geheimnisse. Eines ist sicher: Sterben ist schwieriger als allgemein angenommen.

Tausend Tode” ist ein etwas anderes Sachbuch aus der Feder von Lena Ullrich und illustriert von Giovanni Rigano.

Jeden wird allein schon anhand der Inhaltsangabe klar sein, dass es sich hier keineswegs um ein hochwissenschaftliches Sachbuch handelt. Auch des empfohlene Lesealter von 12-15 Jahren zeigt, dass hier nicht alles todernst genommen wird.

In 43 kleinen Episoden räumt dieses Buch auf sympathisch amüsante Weise mit Sterbemythen auf, die wir aus Redewendungen (sich totlachen), Filmen (Antimaterie), Geschichten und Mythen aus aller Welt kennen. Der böse Wolf ist hier genau so Thema wie der Fluch des Pharaos, kinderessende Hexen, explodierende Autos, Niesanfälle, Kitzelattacken und boxende Kängurus.

Die einzelnen Episoden sind alle nach einem bestimmten Schema aufgebaut. Der Mythos wird zunächst in teilweise wundervoll ironischer Weise erläutert, und anschließend mit Fakten entmachtet. Gewürzt würd das Ganze noch mit zu den einzelnen Kapiteln passenden Illustrationen von Giovanni Rigano, der sogar bei Tim Burtons “Alice im Wunderland” als Illustrator tätig war. Allein diese Bilder laden aufgrund ihrer vielen kleinen Details dazu an, das Büchlein des öfteren in die Hand zu nehmen und durchzublättern.

Gerade für die Zielgruppe ein interessantes, informatives und amüsantes Buch, aber auch für ältere Leser definitiv einen Blick wert. Auch wenn kleine Fehler auffallen (die erwähnte Band im dritten Kapitel heißt nicht Menowar, sondern Manowar), so bringen einen der Humor und die süß-düsteren Bilder schnell dazu, darüber hinwegzusehen.

Tausend Tode: Sterben will gelernt sein von Lena Ullrich & Giovanni Rigano
95 Seiten (Hardcover)
Verlag: Oetinger
Erschienen: März 2011
ISBN: 978-3789184390
8,95 €

[Rezension] Tanya Huff: Blutspur – Blood Ties 2

Die ehemalige Polizistin Victoria “Vicki” Nelson arbeitet nun als Privatdetektivin in Toronto und ist dank ihres neuen Bekannten, den Liebesromanschriftsteller Henry Fitzroy – seines Zeichens Vampir und unehelicher Sohn von Henry VIII. – inzwischen an eher ungewöhnliche Fälle gewöhnt. So verwundert es sie nicht allzu sehr, dass sie und Henry von einer Familie von Werwölfen um Hilfe gebeten werden.

Die bei ihren Nachbarn eher als nudistisch veranlagt bekannten Heerkens leben auf einem Hof auf dem Land in der Nähe von Toronto und sind seit dem zweiten Weltkrieg mit Henry bekannt. Vor kurzem wurden zwei Mitglieder der Familie getötet. In ihrer Wolfsgestalt und unter zu Hilfenahme von Silberkugeln!

Vicki und Henry nehmen die Ermittlungen auf. Während es zwischen den beiden immer deutlicher zu Knistern beginnt, und ihnen auch noch Vickis Ex-Kollege und -Geliebter Mike Celluci in die Quere zu kommen droht, stoßen sie auf immer mehr Hinweise. Doch die verwirrenden Spuren lüften nur langsam ihr Geheimnis, und als es endlich sicher ist, bei wem es sich um den Täter handelt, schweben sie bereits alle in tödlicher Gefahr.

Blutspur” ist der zweite Teil der Buchreihe “Blood Ties” um Vicki Nelson aus der Feder von Tanya Huff. Bereits in den 90ern geschrieben, erschien die Reihe 2004 zum ersten Mal in Deutschland (beim Verlag Feder & Schwert), und wurde zum Start der TV-Serie “Blood Ties” von Egmont Lyx mit entsprechenden Titelbildern neu aufgelegt.

Wieder einmal bin ich sehr begeistert von Huff’s Art zu Schreiben. Fesselnd, spannend, locker, leicht und witzig merkt man dem Werk sein Alter – ignoriert man die Abwesenheit von Mobiltelefonen – absolut nicht an. Es gelingt der Autorin eine Atmosphäre zu schaffen, die den Leser einfach nicht mehr loslässt.

Zum einen ist da die wirklich gute Hintergrundgeschichte. Der Fall ist interessant und spannend, zumindest bis zu dem Punkt, an dem kurz nach der Hälfte des Buches der Täter für den Leser enthüllt wird. Schade, aber trotzdem wird die Geschichte keinesfalls langweilig, es macht immer noch Spaß, Vicki und die Heerkens auf ihrer Suche nach dem Täter zu begleiten. Vor allem ist einfach angenehm ein Werk zu lesen, das vor dem großen Vampir-Hype entstanden ist, und sich vornehmlich auf seine Krimi- und Mysteryelemente konzentriert, und nicht auf eine mögliche Lovestory zwischen Vampir und Mensch.

So knistert es zwar zwischen Henry und Vicki, was aber vor allem auch mit dem Hormonrausch zu tun hat, den beide erleben, wenn Henry Vicki’s Blut trinkt, jedoch werden diese Szenen stets nur angedeutet, und die Details bleiben der Fantasie des Lesers überlassen. Dank Mike entspinnt sich das Ganze zu eine Art Dreiecksbeziehung, denn auch er hat etwas mit Vicki, dass man aber nur schwer in Worte fassen kann. Ein Freundschaft mit Extras, wenn man der Sache denn einen Namen geben möchte.

Die drei Hauptcharaktere sind allesamt auf ihre Art und Weise sympathisch, haben Geschichten zu erzählen, Ecken und Kanten aufzuweisen, und schaffen sich sehr schnell einen Platz im Herzen des Lesers.

Wer gerne Bücher aus dem Mystery-Bereich liest, der sollte definitiv einen Blick auf “Blutspur” werfen. Das Buch bietet sympathische Charaktere, Spannung und eine ganze Menge wunderbaren, trockenen Humor, der mich mehr als einmal zum Auflachen brachte. Huff ist einfach eine wirklich fantastische Schriftstellerin, deren Werke es wert sind, beachtet zu werden.

Blutspur: Blood Ties 2 von Tanya Huff
358 Seiten (Broschiert)
Verlag: Egmont Lyx
Erschienen: Oktober 2008
ISBN: 978-3802536496
9,95 €

[Rezension] Joanne Harris: Blaue Augen

Der 42-jährige B.B. betreibt eine Webcommunity mit dem Titel “Boesebuben”, die es den Mitgliedern ermöglicht, eigene Blogs zu führen, und über ihre Taten zu erzählen. Unter dem Nutzernamen “blauauge” berichtet er von den Morden, die er begangen haben will. Bereits als Kind fielen ihm am Strand Krebse zum Opfer, später Wespen, und nun sogar Nachbarn… und seine beiden Brüder.

Die Mitglieder der Community laben sich an seinen Geschichten, kritisieren oder lobpreisen seine Taten, diskutieren über den Wahrheitsgehalt des Geschriebenen.

Doch fernab von den Augen der Mitglieder führt B.B. ein privates Blog, durchwühlt die teilweise privaten Einträge anderer Nutzer. Langsam enthüllt sich die wahre Persönlichkeit von B.B. immer mehr, lang vergessene Geschichten aus der Vergangenheit werden neu erzählt. Auch das gestörte Verhältnis zu Gloria, B.B.’s Mutter, ist stets Thema. Nie konnte er sich ganz von ihr lösen, wohnt immer noch in seinem alten Kinderzimmer.

Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Wahrheit und Lüge verschwimmen immer mehr, und bald schon ist man gezwungen, alles zu hinterfragen, selbst die Identität der einzelnen Personen…

Bei “Blaue Augen” handelt es sich um den neusten Roman von Joanne Harris, unter anderem die Autorin von “Chocolat“.

Zunächst einmal gestaltete sich bereits das Schreiben der Inhaltsangabe als recht schwierig, da man gerade bei diesem Buch extrem Gefahr läuft, viel zu viel zu verraten. Doch auch so habe ich mich mit dem Werk recht schwer getan.

Stilistisch ist “Blaue Augen” anders, aber im positiven Sinne. Die Geschichte in Form von öffentlichen und privaten Blogeinträgen zu erzählen, inklusive den Kommentaren anderer Mitleser, ist interessant, und eröffnet die Möglichkeit, auf faszinierend Art und Weise mit Wahrheit und Fiktion zu spielen.

Und gerade das tut die Autorin das gesamte Buch hindurch. Als Leser fragt man sich bei jeder Zeile, jedem noch so kleinen Wort, ob das, was man liest, tatsächlich geschehen, oder nur der morbiden Fantasie eines Mannes entsprungen ist, dessen Leben keinesfalls in gewöhnlichen Bahnen verlaufen ist.

B.B. oder auch Blauauge, hatte unter seinen Brüdern zu leiden, musste seinen Platz als ein mit einer Gabe gesegneten Kindes an jemand anders abtreten, wurde von seiner Mutter stets zu Höchstleistungen gezwungen, da Gloria nicht akzeptieren konnte und wollte, dass ihr Sohn normal war. Erfüllte B.B. ihre Erwartungen nicht, wurde er bestraft, und das oft auf eine Art und Weise, die einem als Leser ab und an Schauer über den Rücken jagt.

Die Beziehung zwischen Gloria und B.B. begleitet einen von der ersten bis zur letzten Seite an, stets kommt in den Blogeinträgen die Sprache auf Geschehnisse in der Vergangenheit oder Gegenwart, die dies zum Thema haben. Als stiller Beobachter nimmt der Leser teil an B.B.’s Entwicklung, die doch so sehr geprägt ist von seinem Verhältnis zu Gloria. Und immer wieder kommt der Gedanke auf: Kann eine Mutter ihren Sohn unbewusst zu einem Mörder machen?

Trotz der eigentlich interessanten Idee und des vielversprechenden Aufbaus, plätschert die Geschichte doch gerade im mittleren Teil sehr vor sich hin. Oft werden Dinge mehrmals erzählt, als tatsächliches Ereignis in B.B.’s privatem Tagebuch, als auch in Form eines öffentlichen Eintrags. Auch wenn man wie gesagt nie weiß, ob alles der Wahrheit entsprciht, bezeichnet sich B.B. doch selbst als Lügner. Häufige Zeitsprünge erschweren es einem zusätzlich, sich ein klares Bild des Handlungsablaufes zu formen. Harris Schreibstil aber, wunderbar flüssig und klar, fesselt und bringt einen dazu, weiter zu lesen.

Noch dazu hat die Wendung ca. 100 Seiten vor Schluss das Ruder herumgerissen. Plötzlich betrachtet man die Geschichte aus einem völlig anderen Blickwinkel, ist gezwungen, alles noch einmal neu zu beleuchten, sich ein neues Gesamtbild zu formen. Was ich aber vom Ende selbst halten soll, kann ich nicht genau sagen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, es wird viel Raum für Spekulationen gelassen. Ob das gut oder schlecht ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden.

Ich möchte “Blaue Augen” nicht uneingeschränkt empfehlen. Denn wer hier einen Thriller erwartet, mit atemloser Spannung und actionreichen Szenen, der wird enttäuscht sein. Doch wer offen ist für eine etwas andere Art Geschichte, einer Charakterstudie, die die Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter und seiner Außenwelt beleuchtet, die voll ist von Irrungen und Wirrungen und viel Raum lässt für eigene Theorien, der sollte einen Blick auf das Buch werfen.

Blaue Augen von Joanne Harris
496 Seiten (Hardcover)
Verlag: List
Erschienen: März 2011
ISBN: 978-3471350539
19,99 €

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Ullstein-Verlagsgruppe und Vorablesen.de für das Leseexemplar.

[Rezension] Nora Roberts: Sommersehnsucht

Bereits als kleines Mädchen war Emmaline Grant eine hoffnungslose Romantikerin, und spielte am allerliebsten “Heiraten” mit ihren besten Freundinnen Parker, Mac und Laurel. Kein Wunder also, dass die vier ihr Lieblingsspiel nun zu ihrem Beruf gemacht haben und zusammen die Hochzeitsagentur Vows leiten, in der Emma als Floristin ihrer Fantasie freien Lauf lassen kann.

Auch in Sachen Liebesleben scheint bei Emma alles wunderbar zu laufen. Die Männer umschwärmen sie wie Motten das Licht. Doch trotz all der vielen Dates ist es ihr noch nicht gelungen, den Richtigen zu finden. Bis ihr die Augen geöffnet werden.

Jack Cooke, seines Zeichens Architekt und bester Freund von Parker’s Bruder Del, was ihn quasi zum Familienmitglied macht, erweist sich für Emma nach einer Autopanne als strahlender Retter in der Not. Schon immer war Jack fasziniert von Emma, als Fast-Schwester allerdings galt sie als absolut tabu. Doch als die beiden sich näher kommen, kann sich Jack seiner Gefühle nicht mehr erwehren. Allerdings wird die beginnende Romanze nicht von allen mit Wohlwollen aufgenommen. Denn während Jack nie der Typ war für richtige Beziehungen, träumt Emma von der Liebe ihres Lebens und ewigem Glück. Ist diese Beziehung früher oder später zum Scheitern verurteilt?

Sommersehnsucht” ist der zweite Band des Jahreszeiten-Zyklus von Nora Roberts.

Wie bereits beim Vorgänger weiß der Leser auch hier sehr schnell, wer denn diesmal füreinander bestimmt ist. Doch anstatt gelangweilt auf der Stelle zu treten, beschreibt Roberts auf wunderbar gefühlvolle Weise den Weg der beiden Hauptfiguren, voller Höhen und Tiefen, voller Romantik, aber keinesfalls voller Kitsch.

Emma ist eine Vollblutromantikerin, träumt davon mit ihrem Mr. Right im Garten bei Mondschein zu tanzen, zu heiraten, eine Familie zu gründen. Jack hingegen ist nicht auf langatmige, ernste Beziehungen aus, vielleicht auch gerade deshalb, weil er schon immer Interesse an Emma hatte?

Die beiden Hauptcharaktere sind glaubhaft gestaltet, man fühlt und leidet mit beiden mit, da Roberts immer wieder gekonnt perspektivisch zwischen Emma und Jack wechselt. Auch Parker, Mac und Laurel muss man einfach mögen, genau wie Del, Parker’s Bruder.

Diese Nebencharaktere mit Persönlichkeit tragen ebenso wie all die Geschichten rund um die Hochzeiten, die Vows ausrichtet, dazu bei, dass “Sommersehnsucht” nicht zu einem reinen Schmachtroman wird. Monsterbräute, nervtötende Brautmütter oder schwangere Brautjungfern mit Vorwehen tragen auf ihre ganz eigene Art zum Charme der  Handlung bei. Diese Episoden zaubern einem einfach ein Lächeln auf’s Gesicht. Und nebenbei zeigen sich dem aufmerksamen Leser auf, welche Männer eventuell für die restlichen Vows-Mädels bestimmt sein könnten.

Sommersehnsucht” ist einfach ein wunderbarer Roman, der einem mit einem angenehmen Gefühl der Zufriedenheit zurücklässt. Romantisch, aber ohne peinlich schmalzig zu sein, muss man dieses Buch und seine Charaktere einfach mögen. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil.

Sommersehnsucht von Nora Roberts
432 Seiten (Broschiert)
Verlag: Heyne
Erschienen: Juni 2010
ISBN: 978-3453407640
9,95 €

[Rezension] Elisabeth Naughton: Gestohlene Rache

In einer Höhle in Jamaika stößt die Archäologin Lisa Maxwell auf ein Bruchstück eines antiken Figurenreliefs, das Alekto zeigt, eine der drei Furien. Der Fund könnte die Wissenschaftswelt erschüttern, vor allem wenn es Lisa gelingen sollte, auch noch die beiden anderen Rachegöttinnen Megäre und Tisiphone zu finden.

Auf einem Vortrag in Italien trifft Lisa auf den attraktiven Rafe, und obwohl sie überhaupt nicht der Typ Frau ist, der auf One-Night-Stands steht, lässt sie sich von ihm und seinem spanischen Akzent um den Finger wickeln. Als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist Rafe verschwunden – und mit ihm Alekto.

Wutentbrannt folgt die Archäologin Rafe nach Florida. Doch statt aufzugeben, schlägt der charmante Dieb ihr schamlos vor, sich mit ihm gemeinsam auf die Suche nach den beiden noch fehlenden Furien zu machen. Notgedrungen willigt Lisa ein, obwohl sie ahnt, dass Rafe ihr nicht die ganze Wahrheit sagt.

Bald schon fällt es den beiden immer schwerer sich auf der gefährlichen Jagd nach den Kunstschätzen der Anziehungskraft des jeweils Anderen zu entziehen. Doch schon bald geraten die beiden in Lebensgefahr, denn sie sind nicht die Einzigen, die Interesse an den Furien haben. Und die Konkurrenz geht dabei über Leichen…

Gestohlene Rache” ist der erste Teil einer auf drei Bände ausgelegten Romantic-Thrill-Reihe und gleichzeitig des Debüt der Autorin Elisabeth Naughton.

Das Thema der Jagd nach archäologischen Schätzen hat mich gleich angesprochen. Die Handlung begann schwungvoll, ohne große Vorrede, was sich sehr positiv auf den Lesefluss auswirkt. Von Anfang an ist man als Leser mittendrin, liest voller Spannung Zeile um Zeile, und kann das Buch wirklich nur schwer zur Seite legen.

Die beiden Hauptcharaktere Rafe und Lisa waren mir sofort sympathisch. Beide haben sie ihre Geheimnisse, eine Vergangenheit, an der sie noch heute, Jahre später zu tragen haben. Der Autorin gelingt es wunderbar, die Interaktionen zwischen diesen beiden Persönlichkeiten glaubhaft zu beschreiben. Die häufigen Wortgefechte von Rafe und Lisa sind es auch, die die Stimmung immer wieder auflockern, und dem Leser ein Lächeln auf das Gesicht zaubern.

Die Beziehung der Beiden beginnt mit einem Knall, und Lisa ist sich lange Zeit nicht sicher, ob sie Rafe, der sie ja bestohlen hat, wirklich vertrauen kann. Trotz allem fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Auch Rafe kann sich Lisa’s Reizen nicht erwehren. Durch Perspektivwechsel zwischen ihren Hauptpersonen verschafft Naughton dem Leser gekonnt Einblicke in deren Gefühlswelt.

Das Knistern ist fast greifbar, und entlädt sich natürlich irgendwann auf entsprechende Art und Weise. Diesen erotischen Teil beschreibt Naughton wirklich sehr geschmackvoll, und quasi greifbar.

Die Jagd nach den Furien und die Flucht vor den Verfolgern bietet die Rahmenhandlung für die Lovestory, tritt aber nicht allzu sehr in den Hintergrund, sondern sorgt durchweg für Spannung, auch wenn es ruhig noch ein bisschen mehr hätte sein dürfen.

Naughton schreibt wunderbar flüssig und klar, was es einem leicht macht, in der Geschichte zu versinken.

Gestohlene Rache” ist ein sehr gelungener Roman, voller Spannung, gewürzt mit einer heißen Liebesgeschichte. Es muss eben nicht immer Paranormal Romance sein. Dieser Serienauftakt ist es definitiv wert, dass man ihm seine Aufmerksamkeit schenkt. Ich zumindest freue mich schon auf den zweiten Band “Gestohlene Liebe“, der im Juni 2011 bei Egmont Lyx erscheint.

Gestohlene Rache von Elisabeth Naughton
431 Seiten (Broschiert)
Verlag: Egmont Lyx
Erschienen: November 2010
ISBN: 978-3802583261
9,95 €

[Rezension] Karl Olsberg: Rafael 2.0

Der 13-jährige Michael Ogilvy führt kein Leben, das typisch wäre für einen Jungen seines Alters. Nahezu isoliert von der Welt und den Menschen außerhalb, verbringt er seine Zeit im riesigen Haus seines Vaters, wird unterrichtet von Hauslehrern, hat Haushälterin und Butler. Und er ist einsam, denn nun hat er auch noch seinen einzigen wahren Freund verloren. Sein Zwillingsbruder Rafael starb ein einer seltenen Erbkrankheit, die bereits das Leben von Mike’s Mutter forderte.

Seitdem hat sich sein Vater Brian, Milliardär, Inhaber einer Software-Firma und Computerspezialist, immer mehr zurückgezogen. Zunächst befürchtet der Junge, sein Vater gebe ihm die Schuld an Rafael’s Tod, doch dann kommt er hinter das Geheimnis. Sein Vater hat eine künstliche Intelligenz namens “Rafael 2.0″ erschaffen, gespeist mit Erinnerungen des Verstorbenen, als Ersatz für den verlorenen Bruder. Mike ist entsetzt, freundet sich aber dennoch langsam mit Raf2 an.

Doch dann verschwindet Mike’s Vater plötzlich während einer Dienstreise nach Mexiko spurlos. Mike wird in ein Internat verfrachtet und die Konkurrenz beginnt sich für die Firma seines Vaters zu interessieren. Aber Mike glaubt nicht an die Anschuldigungen, die gegen seinen Vater vorgebracht werden. Mit Hilfe von Raf2 macht er sich auf den Weg, um herauszufinden wohin sein Vater verschwunden ist. Bald schon sieht er sich Gefahren gegenüber, die er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können…

Rafael 2.0” ist ein Jugendroman des Autoren Karl Olsberg, der nicht nur zum Thema künstliche Intelligenz promovierte, sondern bereits im Aufbau Verlag Berlin Romane veröffentlichte.

Das Thema künstliche Intelligenz ist nicht nur interessant, sondern auch äußerst aktuell, gerade in einer Zeit, in der die Technik immer mehr Bereich des alltäglichen Lebens zu dominieren beginnt. Oder kann sich jemand noch an Zeiten ohne Handy, Laptop und Internet erinnern?

Der Ansatz des Buches ist also nicht schlecht, und zu Beginn entwickelt sich das ganze auch recht gut. Im Laufe der Geschichte schlägt die Handlung aber eher in die Thriller-/Krimi-Richtung um, was aber keineswegs negativ zu verstehen ist. Dieser Teil der Handlung bringt eher etwas Schwung ins Buch, und das schadet abslout nicht.

Allerdings bin ich doch etwas enttäuscht. Zunächst einmal hatte ich einfach eine etwas intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema künstliche Intelligenz erhofft, doch Mike findet sich sehr schnell mit Raf2 ab und damit ist die Sache erledigt. Gegen Ende wird das Thema aber wieder aufgegriffen, allerdings auf eine sehr klischeehafte und belehrende Art und Weise. Zwar durchaus mit interessante Argumenten, jedoch sehr langweilig verpackt.

Mike als Charakter war mir zwar nicht unsympathisch, jedoch einfach unrealistisch. Natürlich könnte man hier den mangelnden Kontakt mit anderen Menschen seines Altersbereiches anbringen, jedoch ist er eben einfach zu perfekt gestaltet, was ihn nicht gerade glaubhaft macht. Auch die Nebencharaktere bleiben flach und steif.

Dazu trägt vielleicht auch der Schreibstil des Autors bei. Nicht gerade schlecht oder anstrengend bzw. schleppend zu lesen, nur die Dialoge wirken sehr gestelzt und eher wie ein notwendiges Übel, das überwunden werden muss. Gerade bei Mike fällt das sehr auf, denn er redet einfach auf eine Art, die ich für einen Jungen sienes Alters unpassend finde. Teilweise hat man das Gefühl, hier wurde eher eine wissenschaftliche Abhandlung in einen Roman verpackt.

Rafael 2.0” ist keinesfalls schlecht, nur hätte ich mir eine intensivere, auch eher philosophische Auseinandersetzung mit der KI-Thematik gewünscht, und einfach auch glaubhaftere Charaktere. Gegen Ende ziemlich klischeebehaftet, ist der Roman zwar eventuell einen Blick wert, jedoch keine uneingeschränkte Empfehlung meinerseits, da einfach zu viele Schwächen gegeben sind.

Rafael 2.0 von Karl Olsberg
240 Seiten (Hardcover)
Verlag: Thienemann
Erschienen: Januar 2011
ISBN:978-3522201254
13,90 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Thienemann Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Mary E. Pearson: Zweiunddieselbe

Die siebzehnjährige Jenna Fox erwacht eines Tages in Californien und kann sich nicht daran erinnern was geschehen ist.

Bisher weiß sie nur, dass sie einen schweren Autounfall hatte und eineinhalb Jahre im Koma lag. Nachdem sie aus dem Koma erwacht ist, kann sie nun wieder laufen, sprechen und bei ihrer Familie sein. Nur alle Erinnerungen an ihr Leben vor dem Unfall sind wie ausgelöscht.

Wer war Jenna Fox?

Anhand von Videoaufnahmen, die ihre Eltern seit ihrer Geburt von ihr gemacht haben, versucht sie zu rekonstruieren wer sie war. Immer wieder kommen kleine Bruchstücke an Erinnerungen hinzu, fügen sich zu einem Bild zusammen. Doch es gibt Ungereimtheiten, die Jenna beginnen Angst zu machen. Ist sie tatsächlich die Jenna, die man auf den Videos sieht?

Langsam aber sicher kommt sie der Wahrheit immer näher…

Mit “Zweiunddieselbe” hat Mary E. Pearson einen wirklich sehr faszinierenden Roman geschaffen.

Obwohl das Buch keineswegs rasante, actionhaltige Szenen enthält, so ist es doch auf seine Weise spannend. Zusammen mit Jenna rekunstruiert man die Vergangenheit des Mädchens Jenna Fox, erinnert sich mit ihr an Dinge und Geschehnisse, und erlebt gleichzeitig Neues, das sie doch in ihrer Person prägt. Man beginnt zu merken, dass etwas nicht stimmt…

Anhand einiger Hinweise habe ich mir recht schnell eine Theorie zusammenbasteln können, die sich letztendlich bestätigte, doch selbst dieser Punkt kann dem Buch nicht die Spannung und Faszination nehmen, die es auf den Leser ausübt.

Ausschlaggebend dafür mag auch der Schreibstil der Autorin sein: leise und leicht poetisch spricht sie selbst gesellschaftskritische und philosophische Themen an, ohne dabei belehrend wirken zu wollen. Automatisch fragt man sich beim Lesen “was wäre wenn”, denn an sich ist die Zukunft, die Pearson hier darstellt, absolut nicht unwahrscheinlich. Wissenschaft und Ethik bekommen ganz neue Dimensionen.

Jenna als Person ist der Anker, der den Leser in der Geschichte hält. Man ist quasi Jenna, während man in diese gar nicht allzu ferne Zukunft abtaucht. Man fühlt mit ihr, rätselt, zweifelt… Pearson beschreibt wirklich wunderbar diesen Charakter, eindringlich, jedoch nicht aufdringlich, lässt sie Jenna dem Leser ans Herz wachsen.

Zwar ist das Ende gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie passt es auch wieder zum gesamten Ton des Buches. Fesselnd und ergreifend ist “Zweiunddieselbe” definitiv eine Empfehlung wert, denn schwierige Themen werden hier angesprochen, ohne abzuschrecken oder gar zu langweilen.

Ein Blick auf diese knapp über 300 Seiten lohnt sich auf jeden Fall.

Zweiunddieselbe von Mary E. Pearson
333 Seiten (Broschiert)
Verlag: Fischer
Erschienen: Januar 2011 als Taschenbuch (Erst-VÖ: August 2009)
ISBN: 978-3596808601
7,99 €

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