[Rezension] Kristín Marja Baldursdóttir: Sterneneis

Nie hätte sie sich vorstellen können, dass ihr einmal so etwas passiert. Doch nun ist Gunnur einem Raub zum Opfer gefallen. Mitten in der Nacht waren sie gekommen, die Einbrecher, wühlten in ihren Sachen, entwendeten Laptop, Handy, Schmuck und waren sogar in ihrem Schlafzimmer! Eines ist klar: Sie kann nicht hierbleiben, nicht jetzt.

Gunnur beschließt aufs Land zu fahren. Kurz vor ihrer Abreise steht plötzlich eine Bekannte vor ihrer Tür, mit einer Bitte an Gunnur, die eigentlich keine Bitte ist. Und ehe Gunnur einen klaren Gedanken fassen kann, steht sie da, zusammen mit Hugrun, der vierzehnjährigen Tochter ihrer Bekannten, auf die sie die nächsten Tage ein Auge haben soll.

Notgedrungen nimmt Gunnur das Mädchen mit in ihr Sommerhaus. Doch wie verbringen eine Frau in den Fünfzigern und ein Teenager drei Tage in völliger Abgeschiedenheit, wenn Handy, PC und Fernsehen ihren Dienst versagen?

Sterneneis” ist das neuste Werk der bekannten isländischen Autorin Kristín Marja Baldursdóttir auf dem deutschen Buchmarkt, und bereits im Jahre 2009 in Island erschienen.

Das Buch präsentiert sich mit einem wirklich wunderschönen Cover, das in einem ähnlichen Stil gestaltet ist wie auch die bisherigen deutschen Ausgaben von Kristín Marja Baldursdóttir’s Büchern. Die Aufmachung und der gewählte Titel waren es übrigens auch, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht haben.

Ich bin relativ unbefangen an das Buch herangegangen, habe mir aber schon ein leicht philosophisch angehauchtes Werk gewünscht, den dazu bietet der gewählte Handlungsrahmen genügend Möglichkeiten.

“Wie sehr wünsche ich mir, draußen in der Natur zu sterben, in den grünen und violetten Farben, mit der Zeit langsam in den Boden hinein zu verschwinden, wie die Blätter eines knorrigen Birkenwäldchens.”
(Sterneneis, S. 38)

Hauptperson ist Gunnur. Mitten in den Fünfzigern, Psychotherapeutin und kürzlich Opfer eines Einbruchs. Aus ihrer Perspektive wird die Geschichte erzählt, was wohl vor allem dazu dienen soll, dem Leser tiefere Einblicke in Gunnur’s Gefühlswelt zu ermöglichen. So arbeitet sie im Laufe der Zeit im Sommerhaus ihre Kindheitserinnerungen auf, in der sie sich mehr als nur einmal als Ballast, als nur im Weg gefühlt, sie erzählt von ihrer ersten Liebe, ihrem Leben. Gunnur ist ganz klar erwachsen und wirkt doch oft in ihren Gedanken und Handlung sehr kindlich und naiv. Ich kann sie mir schwer als Psychotherapeutin oder starke Frau vorstellen, gerade auch wenn man bedenkt, wie leicht sie sich das Mädchen Hugrun hat aufschwatzen lassen.

Hugrun, oder auch “das Reh“, ist eine doch etwas sehr verwöhnte Vierzehnjährige, stammt aus einem wohlhabenden Hause, in dem aber ganz deutlich die familiäre Wärme und Zuneigung zu fehlen scheint. Ihre Mutter hat nur die Arbeit und ihre Liebhaber im Kopf, und so verbringt Hugrun die meiste Zeit alleine, isst vor dem Fernseher, um zumindest das Gefühl von Gesellschaft zu haben. So ist es verständlich, dass sie sich krampfhaft an die gemeinsamen Unternehmungen mit Gunnur klammert.

Beide Charaktere haben ihre Schwierigkeiten – mit sich selbst und miteinander -, ihre Eigenarten, und vor allem Hugrun legte Verhaltensweisen an den Tag, die ich durchaus nachvollziehen konnte. Und es ist schließlich nicht einfach, plötzlich mit einer fremden Frau allein zu sein. Mit Gunnur stattdessen konnte ich so gar nicht warm werden, hat sie doch Anwandlungen und Züge, die mehr an einen Teenager erinnern als an eine Erwachsene, und schon gar nicht an eine Psychologin. Gunnur ist in meinen Augen sehr naiv, störrisch und ungemein kindisch.

Zusätzlich geschürt wurde meine Abneigung gegen Gunnur wohl auch dadurch, dass sie als Ich-Erzählerin fungiert. Baldursdóttir scheint mit “Sterneneis” in meinen Augen recht deutlich die Geschichte ihrer Gunnur, die, anhand der Rückblicke, gleichzeitig eine Geschichte über die Frau in Island an sich ist, erzählen zu wollen. Doch was bringt ein Buch, das sich mit der Entwicklung eines Charakters auseinandersetzt, man aber nicht mit der Person warm wird, sich nicht mit ihr identifizieren kann?

Nichtsdestotrotz, das Buch hebt sich stilistisch gesehen von anderen Werken ab, vor allem wohl auch, weil die Autorin keine wörtliche Rede verwendet, und stattdessen die Dialoge fließend im Text verarbeitet. So verwischen die Grenzen zwischen Gesprochenem und Gedachtem, was deutlich zur Atmosphäre des Buches beiträgt. Zusätzlich werden dem Leser Einblicke ins Land und ins Leben der Isländer gewährt, und einige Szenen im Buch sind so wundervoll formuliert, dass sie einem auch nach dem Lesen noch in Erinnerung bleiben.

“Es kommt mit der Dunkelheit. Die Sterne und der Mond, das Verlangen und die Sehnsucht. Verborgene Wesen treten aus den Felsen hervor, tauchen aus der Lava auf, eilen zum Weiher hinunter, wo der Reigen getanzt wird. Das Gedächtnis verliert jegliches Zeitgefühl, glaubt, um Jahrzehnte jünger zu sein, fleigt in die Phantasie hinein.”
(Sterneneis, S. 152)

Bei “Sterneneis” handelt es sich um eine im Ansatz gute Idee, die aber unter einer Hauptperson zu leiden hat, die es einem schwer macht sie als sympathisch oder glaubwürdig zu empfinden. Wunderschöne Formulierungen und Landschaftsbeschreibungen brachten aber zumindest mich dazu, dem Buch bis zum Ende treu zu bleiben. Eine ungeschränkte Empfehlung kann und will ich nicht geben. “Sterneneis” und seine Charaktere wirken wahrscheinlich auf jeden Leser anders, jeder bringt eigene Empfindungen mit hinein in diese Geschichte – die eigentliche Gesamtwirkung von Baldursdóttir’s Konstrukt wird also bei jedem eine andere sein.

Sterneneis von Kristín Marja Baldursdóttir
Karlsvagninn
240 Seiten (Hardcover)
Verlag: Krüger
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3810502667
16,95 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Krüger Verlag sowie bei Lovelybooks für das zur Verfügung gestellte Testleseexemplar.

[Rezension] Maxime Chattam: Alterra 3 – Der Krieg der Kinder

Achtung: Wer die beiden Vorgänger-Bände “Die Gemeinschaft der Drei” und “Im Reich der Königin” noch nicht gelesen hat, für den könnte diese Rezension Spoiler enthalten.

Ein grauenvoller Orkan hat die bekannte Welt für immer verändert. Malronce, die Königin der Zyniks, wie die überlebenden Erwachsenen nun genannt werden, und ihre Soldaten glauben fest, dass es sich bei diesem Orkan um eine göttliche Strafe für ihre Sünden handelt. Um Erlösung zu erlangen, benötigen die Zyniks eine Karte, die sich auf dem Körper eines Mädchens befinden soll.

Auf ihrer gemeinsamen Reise mussten sich Matt, Ambre und Tobias vielen Gefahren stellen, die letztendlich ein Opfer forderten: Tobias wurde vom Torvaderon aufgesogen, einem unheimlichen Schattenwesen, das Jagd auf Matt zu machen scheint. Matt ist überzeugt, dass Tobias noch am Leben ist, und will ihn retten, doch dieser Plan rückt in weite Ferne.

Denn angekommen in Eden, der Hauptstadt der Pans, müssen sie und die anderen Kinder eine Entscheidung treffen. Denn Malronce rüstet zum Kampf, um das gesuchte Kind zu finden und die Pans ein für alle mal auszulöschen. Gemeinsam entwerfen Matt und seine Freunde einen Angriffsplan, der sie ins Herz des Zynik-Reiches führt, und rüsten sich für einen Krieg, der ein für alle Mal über ihr Schicksal entscheiden wird. Doch wird es den Kindern tatsächlich gelingen, gegen Tausende von Soldaten der Königin zu bestehen? Und schaffen es Matt und Ambre, das Geheimnis der Karte zu entschlüsseln?

Mit “Der Krieg der Kinder” liegt der dritte Teil der Alterra-Reihe aus der Feder des französischen Autors Maxime Chattam, der bereits 2010 in Frankreich erschien, nun endlich auch auf Deutsch vor.

Nahtlos schließt Teil drei an seinen Vorgänger an, und lässt sowohl den Charakteren als auch dem Leser nur wenig Zeit zum Atem holen. Jede Zeile ist förmlich durchdrungen von einer unheilgeschwängerten Atmosphäre, dass ein Krieg bevorsteht ist deutlich zu spüren. Die Stimmung ist ernst, gereizt und nicht unbedingt harmonisch, denn nicht jeder Pan ist für einen Kampf gegen die Zyniks.

Matt und Ambre müssen also zum einen die Pans davon überzeugen, sich gegen die nahenden Armeen der Zyniks zu wehren, als auch eine Möglichkeit finden, die Karte weiterhin vor Malronce zu verbergen, und der Königin bei der Entschlüsselung zuvor zu kommen. Denn obwohl sie sich nicht kampflos ergeben wollen, scheint es doch sehr unwahrscheinlich, dass Kinder gegen die erprobten Soldaten bestehen können.

Chattam schafft es mit seinen Figuren immer wieder zu überraschen. Die Charaktere sind alles andere als eindimensional, alle haben mit ihren eigenen Ängsten und Schattenseiten zu kämpfen, selbst der größte Held oder auch Widersacher weißt Züge auf, die ihm mehr Tiefe und Glaubwürdigkeit verleihen. Der Autor schafft es, selbst seinen Nebencharakteren eine Persönlichkeit einzuhauchen, die der der Hauptpersonen in nichts nachsteht.

Mit seinem sehr klaren und schnörkellosen Schreibstil, der ohne ausschweifende Formulierungen auskommt, schafft Chattam eine Welt, deren dunkle Geheimnisse und Kreaturen einem unzählige Schauer über den Rücken jagen. Eine Welt, in der selbst Disneyworld bedrohlich wirkt, in der es aber immer wieder Lichtblicke und Hoffnung gibt.

Diese Lichtblicke sind es auch, die “Der Krieg der Kinder” so ungemein spannend und fesselnd wirken lassen. Denn trotz all den Bedrohungen, Verlusten und Gefahren, Tod und Blut, dem Abschiednehmen von liebgewonnenen Charakteren zaubert Chattam immer wieder eine überraschende und dramatische Wendung zu Tage, die das gesamte Schicksal der Figuren in seinen Grundfesten erschüttern könnte. Und nebenbei bestätigen sich in diesem Band auch einige meiner Theorien, die mir beim Lesen der beiden Vorgänger in den Sinn gekommen sind.

Zusätzlich bedient sich Chattam hier wieder sehr deutlich der sogenannten Gaia-Theorie bzw. -Hypothese, die von James Lovelock und Lynn Margulis aufgestellt wurde, und in der die Erde selbst als Lebewesen betrachtet wird. Dieser Ansatz zieht sich durch alle drei Bücher der Alterra-Reihe, wird aber in diesem Band noch einmal beleuchtet und wird noch ein sehr wichtige Rolle spielen.

Alterra – Der Krieg der Kinder” ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite, voller fantastischer Charaktere, die sich ihren schlimmsten Albträumen stellen müssen, und doch die Hoffnung nie aufgeben. Dieses Buch muss man einfach lesen.

Alterra – Der Krieg der Kinder von Maxime Chattam
Autre-Monde: Le coeur de la terre
432 Seiten (Hardcover)
Verlag: PAN
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3426283073
16,99 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim PAN-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

“Ein einziger Augenblick kann ein Leben ändern.”

Sommer 1990. Ein kleines Dorf nahe der deutsch-deutschen Grenze, die nun eigentlich keine mehr ist.

Maria wird bald siebzehn und wohnt mit ihrem Freund Johannes auf dem Hof seiner Eltern. Das verträumte Mädchen verkriecht sich lieber mit Dostojewskijs “Die Brüder Karamasow” anstatt zur Schule zu gehen – im Gegensatz zu Johannes, der feste Pläne für seine Zukunft zu haben scheint.

Auf dem Nachbarhof lebt der vierzigjährige Henner. Der alleinstehende Mann wird von den Leuten aus dem Dorf eher argwöhnisch betrachtet. Doch der tragische Hauch, der seine Vergangenheit umgibt, ändert nichts daran, dass der charismatische Mann eine gewisse Wirkung auf Frauen hat.

Ein zufälliger Blick, eine Berührung lösen in Maria eine Sehnsucht aus, die so fremd und übermächtig ist, dass sie sich ihr nicht erwehren kann, und sie daher wie von höherer Gewalt geleitet in Henners Haus und seine Arme treibt…

Irgendwann werden wir uns alles erzählen” ist der Debütroman der deutschen Autorin Daniela Krien, und wurde bereits vor seinem eigentlichen Erscheinen an 13 weitere Länder verkauft.

Von diesem Buch habe ich von Anfang an sehr viel erwartet. Diese Erwartungen wurden mehr als nur übertroffen, und nun suche ich nach Worten, die beschreiben, wie unglaublich fantastisch dieses Werk ist. Allein das Cover unterstreicht die Stimmung des Romans, wirkt in seiner Farbgebung älter, der staubtrockene Feldweg, die Gräser und weiter Felder lassen die Hitze des Sommers fast ganz von alleine lebendig werden.

Maria lebt bei der Familie ihres Freundes, statt bei ihrer Mutter. Was zunächst seltsam erscheint, ist für die Familie Brendel selbstverständlich. Ein typischer Generationenhaushalt – Großmutter Frieda, Vater Siegfried, Mutter Marianne, ihr ältester Sohn Johannes, der zwölfjährige Lukas sowie “Knecht” Alfred leben zusammen unter einem Dach. Und solange sie ihre Aufgaben auf dem Hof erfüllt, so scheint Marias Anwesenheit kein Problem darzustellen.

Das siebzehnjährige Mädchen wirkt verträumt, weiß noch nicht, was sie mit sich und ihrer Zukunft anfangen möchte. Während Johannes seinem Abschluss macht und sich immer mehr in der Fotografie verliert, versinkt Maria zusammen mit den Brüdern Karamasow in einer anderen Welt. Bis diese durch Henner gehörig auf den Kopf gestellt wird.

Henner wirkt eher wie ein Gutsbesitzer aus alten Zeiten, hat mit der Landwirtschaft eher wenig am Hut. Einzig und allein für Pferde scheint er ein Talent zu haben. Als Weiberheld und Trunkenbold verschrien, ist er bei den restlichen Dorfbewohnern eher ungern gesehen. Auch charakterlich erscheint Henner zunächst nicht gerade einfach. Doch mit der Zeit schleicht sich auch dieser Charakter ins Herz des Lesers, trotz seiner Eigenarten.

Die Liebesgeschichte zwischen Maria und Henner verläuft keinesfalls so, wie man es vielleicht erwarten würde. Allein der Beginn dieser “Romanze”, die in meinen Augen gar nicht zufälligen und schon fast unsittlichen Berührungen seitens Henners, zeigt schon früh, dass es sich hier nicht um die Erfüllung einer Kleinmädchen-Fantasie handelt. Stattdessen ist diese Liebe heftig, unberechenbar und wild, fast schon verzweifelt, und doch so real, so echt. Allein der Altersunterschied macht diese Beziehung zu etwas Verbotenem, etwas Geheimen. Eine Beziehung, die das Leben der beiden Hauptcharaktere für immer verändern wird, sollte sie jemals ans Licht kommen.

Maria verstrickt sich immer mehr in Lügen, um Möglichkeiten zu finden Zeit mit Henner zu verbringen. Sie schwankt zwischen Euphorie und schlechtem Gewissen, vergießt Tränen, leidet, liebt und lebt. Henner ist ihre Zuflucht, und während Johannes sich immer mehr von ihr abzuwenden scheint findet sie bei ihm Bestätigung.

“Ich taumele von einem Gefühlszustand zum nächsten, lebe von einem Tag zum anderen, ganz und gar gegenwärtig, ganz im Jetzt, und das Jetzt ist der Henner. Johannes und die Zukunft liegen im Ungewissen.”

Daniela Krien erzählt auf der einen Seite eine Familiengeschichte. Eine Geschichte, zu der Maria noch nicht ganz dazu gehört, doch ihr Platz bei den Brendels festigt sich immer mehr. Gleichzeitig ist “Irgendwann werden wir uns alles erzählen” eine Liebesgeschichte. All das spielt sich vor dem Hintergrund der sich auflösenden DDR ab, ein Land, das alle Charaktere dieses Buches unweigerlich gezeichnet hat. Die Öffnung dieses Landes in Richtung Westen, die Möglichkeiten, Veränderungen und Ängste bilden den großen historischen Rahmen, sind aber nie direkt Thema. Denn für Maria, die als Ich-Erzählerin fungiert, ist die offene Grenze, die zunächst wie das Tor zur Freiheit erscheint, plötzlich völlig unwichtig.

Der Autorin gelingt es diese Geschichte, die völlig ohne spannende oder atemraubende Elemente auskommt, doch so zu gestalten, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Maria und Henner verzaubern den Leser, einwickeln einen Bann, der von der ersten Sekunde an verzaubert. Sprachlich einfach und ohne überschwengliche Formulierungen schafft es Krien jedoch, die Sehnsucht wirklich greifbar zu machen, schreibt sie doch ungemein bildlich, dass jedes Wort eine unglaubliche Lebendigkeit ausstrahlt.

Irgendwann werden wir uns alles erzählen” ist ein wunderbares Buch, voller Sehnsucht und Sinnlichkeit, das die Geschichte einer eigentlich verbotenen Liebe erzählt, ohne dabei jemals kitschig oder unrealistisch zu wirken. Ein Buch, so wunderschön, so voller Zauber, Melancholie und Leben; sprachlich einfach und doch so grandios. Absolut lesenswert.

Irgendwann werden wir uns alles erzählen von Daniela Krien
240 Seiten (Hardcover)
Verlag: Graf
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3862200191
18,00 €

Ich bedanke mich ganz, ganz herzlich beim Graf-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Peter Abrahams: Was geschah in Echo Falls?

Eigentlich hat die dreizehnjährige Ingrid schon genug um die Ohren mit dem Fußballtraining, der Vorbereitung auf die heißersehnte Rolle in “Alice im Wunderland“, ihren in letzter Zeit seltsamen Eltern, die irgendwie ihren Bruder Ty zu bevorzugen scheinen und ihrem exzentrischen Großvater.

Doch dann geschieht ein Mord in der sonst eher beschaulichen Kleinstadt Echo Falls, in der die schlimmsten Delikte bisher nur übermäßiger Alkoholkonsum waren. Und durch einen dummen Zufall scheint Ingrid die Letzte zu sein, die das Opfer lebend gesehen hat – abgesehen vom Mörder selbst.

Ungewollt gerät Ingrid mitten hinein in die Ermittlungen. Während die Polizei im Dunkeln zu tappen scheint, versucht Ingrid den Fall auf eigene Faust aufzuklären, um zu beweisen, dass sie mit all dem nichts zu tun hat. Mit Hilfe ihres großen Idols, Sherlock Holmes, begibt sie sich auf eine gefährliche Suche und findet bald schon heraus, dass Echo Falls gar nicht so harmlos ist, wie es scheint…

Bei “Was geschah in Echo Falls?” handelt es sich um den Auftaktband einer auf mehrere Bände ausgelegten Reihe aus der Feder des amerikanischen Autors Peter Abrahams. Das erste Jugendbuch des Thriller-Autors erschien bereits im Jahre 2007 als deutsche Hardcover-Ausgabe, und ist seit August 2011 als Taschenbuch erhältlich.

Einigen mag vielleicht gleich zu Beginn folgender Gedanke kommen: Klingt nach Flavia de Luce. Irgendwie mag das ja im Ansatz durchaus stimmen, schließlich geht es in beiden Buchreihen um eine junge weibliche Hauptperson, die in Kriminalermittlungen gerät – aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf. Denn im Gegensatz zu Flavia stolpert Ingrid eher zufällig in die Mordermittlungen hinein. Und ganz nebenbei erschienen Abrahams Bücher (2006) eher als die Romane von Bradley (2009). Vergleich sind also keineswegs angebracht, denn bei beiden Reihen handelt es sich um völlig eigenständige Werke.

Mit der dreizehnjährigen Ingrid hat Abrahams eine Hauptperson geschaffen, mit der sich die meisten Leser recht gut identifizieren können. Sie ist nach der Lieblingsschauspielerin ihrer Mutter benannt, spielt mit großer Begeisterung Fußball, hat ab und an so ihrer Schwierigkeiten mit Mathe und träumt von der Hauptrolle im neuen Theaterstück ihrer Schaupspieltruppe, der Prescott Players. Nebenbei hat auch ihre Familie so einige seltsame Anwandlungen. Alles in allem wirkt Ingrid als unglaublich normal und keinesfalls perfekt – und genau das macht sie sympathisch.

Sie macht Fehler, trifft auch mal eine falsche Entscheidung, und ist dennoch einfach liebenswert. Dank einer dieser Fehlentscheidungen gerät Ingrid mitten hinein in der Ermittlungen um den Mord an Müll-Katie. Denn schließlich hat sie die Dame zum letzten Mal lebend gesehen, und wegen eines Missgeschicks hält Ingrid sich auf einmal für eine mögliche Hauptverdächtige.

Mit dem Genie Sherlock Holmes als Vorbild macht sie sich daran, ihre Unschuld zu beweisen, indem sie den wahren Mörder findet. Wie ihr Held auch lernt sie die Straßenpläne ihrer Heimatstadt auswendig – Sherlock Holmes war dafür bekannt jede Straße in London beim Namen nennen zu können – und sucht überall nach Indizien. Und falls das jetzt zu mutig klingt: Auch Ingrid hat Angst, oft sogar. Wieder ein Punkt, der das Mädchen umso glaubhafter macht.

Auch die auftretenden Nebencharaktere sind Abrahams durchaus gelungen, haben Persönlichkeit und wirken, je nachdem, sympathisch, seltsam, nervig oder undurchsichtig. Besonders ans Herz gewachsen ist mir der Polizeichef von Echo Falls, Gilbert L. Strade – jedem, der ein bisschen in Sachen Sherlock Holmes bewandert ist wird dieser Name ein Lächeln auf das Gesicht zaubern.

Abrahams schreibt auf eine leicht ironische und sarkastische Art und Weise, flüssig-frisch und frei von der Leber weg und unterstreicht damit den Charakter seiner Hauptperson noch besser. Angenehm ist auch, dass der Autor hier nicht auf die inzwischen nahezu überall zu findende Ich-Erzählweise zurückgreift, es ihm aber trotzdem gelingt, dem Leser Einblicke in Ingrid’s Gefühlswelt und Gedanken zu geben.

Doch auch die Spannung kommt nicht zu kurz. Bis zum letzten Moment lässt Abrahams den Leser zappeln, und schafft ein Finale, das einem den Atem raubt und um die Figuren zittern und bangen lässt, auch wenn die eigentliche Auflösung dem aufmerksamen Leser schon vorher klar sein wird. 

Was geschah in Echo Falls?” ist ein mehr als spannendes Buch, das junge wie auch ältere Leser gleichermaßen begeistern kann und mit liebenswerten, glaubhaften Charakteren und einer spannenden Geschichte überzeugt. Abrahams hat mit seinem Debüt im Jugendbuchbereich ganze Arbeit geleistet. Und Stephen King bezeichnet dieses Buch bestimmt nicht umsonst als sein absolutes Lieblingsbuch. Definitiv lesenswert.

Was geschah in Echo Falls? von Peter Abrahams
Down The Rabbit Hole
349 Seiten (Broschiert)
Verlag: Bloomsbury K&J
Erschienen: August 2011
ISBN: 978-3833350801
8,95 €

Ich bedanke mich ganz, ganz herzlich beim Verlag Bloomsbury K&J für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Hermann Stefánsson: Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte

Der Schriftsteller Guðjón Ólafsson wacht im Krankenhaus auf, ohne Sprache und ohne Erinnerung daran, wie und warum er dorthin gekommen ist. Sein Vater hilft ihm, den Weg zurück in die Wirklichkeit zu finden, doch um welche Wirklichkeit geht es eigentlich?

 Allmählich gewinnt Guðjón seine Sprache wieder und findet heraus, dass Helena, die ihm sein Vater als seine Freundin vorstellt, und er am europäischen Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz einem durch Medikamente unterstützten Experiment unterzogen worden sind, bei dem es um Zeitreisen in die Vergangenheit ging…

“Die Versuche des Menschen, die Welt um sich herum zu verstehen, ist eine der wenigen Dinge, die das Leben aus der Flachheit der Farce zu tragischen Höhen emporhebt.”
- Steven Weinberg -

Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” von Hermann Stefánsson erschien in Island bereits im Jahre 2008, und hat nun endlich auch den Weg auf den deutschen Buchmarkt gefunden.

Ich hatte von Beginn an sehr große Erwartungen an dieses Buch gestellt. Zum einen hat mich bereits der Titel angesprochen, zum anderen natürlich die Erwähnung von CERN. Wenn man, wie ich, selbst eher im Forschungslabor zu Hause ist, dann erscheint ein solches Buch fast schon wie ein Geschenk des Himmels.

Im Vergleich zu anderen aktuellen Veröffentlichungen ist das Cover von “Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” eher schlicht gehalten, aber meiner Meinung nach würde Stefánssons Werk allein aus diesem Grund in einer Buchhandlung auffallen, denn dezent in Grautönen gehaltene Cover sind heutzutage schon eher eine Seltenheit.

Von der ersten Zeile an zieht einen Steffánssons Werk in seinen Bann. Es ist wunderschön zu lesen, bietet wundervolle Formulierungen, ist mal einfach gehalten, und dann plötzlich wieder hoch philosophisch und wissenschaftlich.

“Weiße Welt stürzt ihm ins Bewusstsein, konfus und fremd. Fragmentarisches Erkennen, verschwommene Grenzen zwischen dem einen Gedanken und dem nächsten.”

Es gelingt dem Autor Guðjóns Verwirrtheit direkt nach dem Aufwachen auf faszinierende Weise sprachlich darzustellen. Verdrehte Worte und Buchstaben wechseln sich mit zusammenhanglosen Gedankenfetzen ab, und lassen es dem Leser ähnlich ergehen wie der eigentlichen Hauptperson.

Guðjóns als Charakter erweist sich als ungemein faszinierend, ist er sich doch seiner eigenen Identität oft selbst nicht sicher. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wird, sind sowohl sein Langzeit- als auch sein Kurzzeitgedächtnis schwer angegriffen. Er vergisst viele Dinge sofort wieder, stellt ständig die selben Fragen, die ihm sein Vater immer wieder beantworten muss. Vor dieser Vaterfigur hatte ich von der ersten Minute an großen Respekt, stellt er sich doch dieser ungemein schweren Aufgaben, die alles an Geduld und Gemütsruhe fordert, die ein Mensch aufweisen kann.

Wechsel zwischen Ich- und Er-Perspektive zeigen zusätzlich als sprachliche Mittel Guðjóns Schwierigkeiten in Sachen Identitätsfindung auf. Er leidet an Flashbacks; macht oft keinen Unterschied zwischen sich selbst und erfundenen oder historischen Persönlichkeiten, in deren Leben er während seiner Anfälle (Ausfälle?) er episodenhaft Einblick gewinnt.

Neben Guðjón fungiert Helena ebenfalls als wichtiger Charakter, der immer mehr Raum einnimmt und Guðjón zeitweise als Erzähler ablöst. Im Gegensatz zum ihm wirkt sie normal, ihre Textpassagen unterscheiden sich deutlich von Guðjóns, sind klarer, direkter und weniger verworren gehalten. Doch bald schon ereignen sich auch in ihrem Leben Dinge, die Fragen aufwerfen – bei ihr und beim Leser.

Und Fragen stellt sich der Leser bei diesem Roman wohl ständig. Was ist real? Was ist Fiktion? Handelt es sich bei dieser oder jener Szene um etwas, das tatsächlich in der realen Welt geschieht, oder doch nur um eine von Gudjons Episoden? Nach und nach kommt Licht ins Dunkel. Das Voynich-Manuskript, Schrödingers Katze als Symbol für einen zeitlosen Wahrscheinlichkeitsraum, Quantenmechanik, Teilchen – all dies beginnt sich zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.

“Traum und Wirklichkeit sind eins geworden, die Zeit legt sich quer, schließlich aber verläuft sie sich.”

Hermann Stefánsson hat mit “Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” einen Roman geschaffen, der sich an wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Amnesie und den Gesetzmäßigkeiten der kleinsten Teilchen der materiellen Welt orientiert, und daraus eine Geschichte formt, die so anders ist, so besonders, so faszinierend, das es kaum passende Worte zu geben scheint, um dieses Werk wirklich gebührend zu würdigen. Kein einfacher Roman, aber in meinen Augen ein wahrer Diamant, der all jene, die sich die Zeit nehmen um in Guðjóns Welt einzutauchen, mit auf eine unvergessliche Reise nimmt.

Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte von Hermann Stefánsson
Algleymi
256 Seiten (Broschiert)
Verlag: litteraturverlag roland hoffmann
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3-940331-07-6
24,90 €
Bezogen werden kann das Buch HIER auf der Verlagswebseite.

Ich bedanke mich ganz, ganz herzlich beim litteraturverlag roland hoffmann und bei Blogg dein Buch für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Carlos Ruiz Zafón: Marina

“Wir alle haben im Dachgeschoss der Seele ein Geheimnis unter Verschluss.”

Barcelona, am Ende des Jahres 1979. Der fünfzehnjährige Óscar Drai besucht ein Internat, sehnt sich jedoch danach, am pulsierenden und faszinierenden Leben in Barcelona teilzuhaben. So zieht es ihn immer wieder heimlich hinaus in die Gassen der Stadt.

Auf einem seiner Streifzüge durch die alten Villenviertel begegnet Óscar einem jungen Mädchen. Blond und blass scheint Marina so zart, als wäre sie nicht von dieser Welt. Óscar ist sofort von ihr fasziniert.

Zusammen mit Marina nimmt Óscar die Fährte einer geheimnisvollen Dame in Schwarz auf, nicht ahnend, was sie damit ins Rollen bringen. Gemeinsam werden die beiden in eine Geschichte voller Gefahr, Wut und Größenwahn gesogen. Eine höllische Verbindung von vernichtender Kraft, die alles Glück zu zerstören droht.

Doch auch Marina umgibt ein Geheimnis…

Marina” wurde bereits im Jahre 1999 in Spanien veröffentlicht, und hat nun, nach den bahnbrechenden Erfolgen des Autors Carlos Ruiz Zafón, seinen Weg auf den deutschsprachigen Markt gefunden.

Gleich zu Beginn: Sehr schön finde ich, dass der Verlag das Originalcover beibehalten und nur geringfügig bearbeitet hat, gibt es doch die Atmosphäre des Romans in meinen Augen perfekt wieder.

In diesem Roman entführt Zafón zum ersten Mal in sein geliebtes Barcelona, wie wir es aus “Der Schatten des Windes” und “Das Spiel des Engels” kennen und lieben. Nach drei Jugendromanen richtet er sich mit dieser Geschichte zum ersten Mal auch an eine breitere Leserschaft, jedoch lässt sich “Marina” recht schwer einordnen; schwebt eher zwischen Jugendbuch und Roman.

Marina” ist laut eigenen Aussagen der persönliche Liebling des Autors – nachzuvollziehen, gibt es doch deutliche Gemeinsamkeiten zwischen Zafón und seinem Helden Óscar Drai. Beide besuchten eine Jesuitenschule und durchstreiften in ihrer Freizeit die Stadt.

Gemeinsam mit Óscar entdeckt der Leser ein faszinierendes Stück Barcelona, stets schwebend zwischen Fiktion und Realität. Óscar ist ein Charakter, der schnell ans Herz wächst. Aufgrund der Tatsache, dass er diese Geschichte quasi selbst niederschreibt, fühlt man sich sofort mit ihm verbunden. Er ist keinesfalls perfekt, hat Wünsche, Träume und Ängst – und ist genau deshalb so ungemein menschlich und sympathisch.

Marina dagegen wirkt zunächst – vor allem auch aufgrund Óscars Beschreibung – fast schon ätherisch und elfenhaft. Doch schnell erweist sie sich als abenteuerliches Mädchen, das keineswegs auf den Mund gefallen ist und sich liebevoll um ihren Vater kümmert.

Gekonnt entführt Zafón in eine Geschichte, in der jedes Detail von Bedeutung zu sein scheint, eine Mischung aus Grusel- und Kriminalgeschichte, ein modernes Märchen. Oder doch nicht?

Mit dem ihm eigenen wundervollen, fesselnden Schreibstil voller fantastischer Formulierungen schafft es Zafón einen wahren Sog zu entwickeln, dem sich der Leser kaum mehr entziehen kann. Voller Staunen deckt man zusammen mit Óscar und Marina immer mehr Geheimnisse auf – tödliche, gefährliche und doch auch unglaublich berührende und tragische Geheimnisse.

“Vor meinem Fenster ging Barcelona in scharlachroten Schatten auf, ein Wald aus Antennen und Zinnen.”
(Marina, S. 26)

Bücher, bei denen mir allein aufgrund der sprachlichen Schönheit die Tränen in die Augen steigen, sind selten. Doch “Marina” ist es gelungen, genau diese Reaktion bei mir auszulösen. Ein wunderbares Buch. Wer bisher noch kein Werk von Zafón gelesen hat, dem sei dieses Werk ans Herz zu legen. Liebhabern des Autors natürlich ebenso.

Marina von Carlos Ruiz Zafón
Marina
352 Seiten (Hardcover)
Verlag: Fischer
Erschienen: April 2011
ISBN: 978-3100954015
19,95 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Fischer-Verlag und Vorablesen für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] James Dashner: Die Auserwählten – Im Labyrinth

Als Thomas in einem dunklen Lift erwacht, ist sein Name das einzige, woran er sich noch erinnern kann. Seine restlichen Erinnerungen erscheinen wie ausradiert.

Doch Thomas ist nicht alleine. Denn als sich die Türen des Lifts öffnen, findet er sich umgeben von Jungen, die ihn auf der Lichtung willkommen heißen. Ganz wie er können sie sich an nichts erinnern. Alles was sie wissen ist, dass sich jeden Morgen das Tor zum Labyrinth öffnet, das die Lichtung umgibt, und sich am Abend wieder schließt. Es gibt regelmäßige Lieferungen mit Nahrungsmitteln… Und alle 30 Tage kommt ein neuer Bewohner auf die Lichtung.

Alles scheint einem festen Plan zu unterliegen. Doch dann ändert sich plötzlich alles. Und eines ist klar: Sie müssen einen Ausweg  finden, und das schnell. Aber das Labyrinth birgt tödliche Gefahren und Geheimnisse – von denen Thomas mehr zu wissen scheint als die Anderen…

Die Auserwählten: Im Labyrinth” ist der erste Band der neuesten Buchreihe des amerikanischen Autors James Dashner, und gleichzeitig das erste Werk des Bestseller-Autors auf dem deutschen Buchmarkt.

Allein das Cover zeigt schon deutlich, dass der Leser es hier nicht mit einer locker-leichten Geschichte zu tun bekommt. Kontrolliert und kalt der Blick des Jungen, der sich regelrecht in den Betrachter hineinzubohren scheint… Und mit seinen labyrinthartigen Strukturen recht gut zur Handlung passt.

Wie Thomas, so wird auch der Leser mitten hinein in eine Welt geworfen, von der er nicht die leiseste Ahnung hat. Fremde Jungen, die mit seltsamen Begriffen wie Strunk, Neppdepp und Klonk um sich werfen und sich selbst Lichter nennen – passend zur Lichtung, auf der die Jungen leben. Eben diese Lichtung scheint der einzige Ort zu sein, an dem man sich sicher fühlen kann. Denn draußen im Labyrinth lauern Gefahren, die man sich nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen vorzustellen vermag.

Thomas als Hauptperson ist zwar das perfekte Bindeglied zwischen Leser und Handlung, bleibt jedoch ein Rätsel. Denn zum einen kann er sich an nichts mehr als seinen Namen erinnern – seine Vergangenheit, sein Alter, seine Eltern, alles scheint verloren – zum anderen aber weiß er Dinge über die Lichtung und das Labyrinth, die er gar nicht wissen kann. Und warum kommt Thomas einigen Jungen bekannt vor?

Dashner wählt hier ganz bewusst nicht die Ich-Perspektive als Erzählmittel, sondern bleibt auf Distanz. Und genau das ist einer der Gründe, warum dieses Buch so ungemein faszinierend ist, denn der Leser hat eben nicht den vollkommenen Einblick in die f der Hauptperson, und so bleiben nicht nur das Labyrinth sondern auch Thomas ein Rätsel.

Doch auch die Nebencharaktere weisen allesamt Potential auf, sind entweder sympathisch oder verhasst, und haben doch alle eine ganz eigene Persönlichkeit und wirken keineswegs wie Lückenbüßer. Sie wachsen ans Herz, mit all ihren guten und schlechten Seiten, und gerade Minho hat das Zeug, zum heimlichen Helden der Geschichte aufzusteigen.

Dem Autor gelingt es dank seines klaren und direkten Schreibstils, die bedrückende Atmosphäre dieses Buches perfekt zu vermitteln. Die Geheimnisse des Labyrinths, die teilweise erschreckend-nüchterne Grausamkeit der Jungen, das Gefühl unter Beobachtung zu stehen – all diese Dinge sind greifbar, wirken ungemein real und jagen dem Leser durchaus den ein oder anderen Schauer über den Rücken.

Trotz allem sind mir auch ein paar Kleinigkeiten negativ aufgefallen. Zum einen scheint Dashner eine Vorliebe für die Formulierung “Gut, das.” zu haben. Die Häufigkeit dieser beiden Worte ist mir nach etwa einem Drittel des Buches ziemlich sauer aufgestoßen. Und auch das Ende ist leider vorhersehbar, denn dem aufmerksamen Leser werden wahrscheinlich die entsprechenden Details nicht entgehen, die zur Auflösung der Geschichte führen, und leider viel zu früh in die Handlung eingestreut werden.

Die Auserwählten: Im Labyrinth” ist ein mehr als gelungener Auftakt zu einer durchaus vielversprechenden Reihe. Eine spannende Geschichte, voller Rätsel und Gefahren, einer interessanten Hauptperson und liebenswerten und vor allem starken Nebencharakteren. Ein Buch, das positiv aus all den aktuellen Jugendbuchveröffentlichungen heraus sticht und definitiv einen Blick wert ist.

Die Auserwählten: Im Labyrinth von James Dashner
The Maze Runner
496 Seiten (Hardcover)
Verlag: Chicken House (Carlsen)
Erschienen: April 2011
ISBN: 978-3551520197
16,95 €

Vielen herzlichen Dank an Chicken House und Buchbotschafter.de für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Kelley Armstrong: Die dunklen Mächte – Höllenglanz

Achtung: Für alle, die die ersten beiden Teile der Reihe “Schattenstunde” und “Seelennacht” noch nicht gelesen haben, enthält diese Rezension eindeutig Spoiler!

Nach ihrer gefährlichen Flucht vor den Wissenschaftlern der Edison Group scheinen Chloe Saunders und ihre Freunde endlich aufatmen zu können. Sie haben das Haus einer Widerstandsgruppe erreicht, einer Vereinigung von Paranormalen, die im Geheimen gegen die Edison Group kämpft.

Es scheint, als haben die Jugendlichen endlich die Gelegenheit, zur Ruhe kommen zu können. Doch nach und nach stoßen sie auf Spuren, die sie an der Vertrauenswürdigkeit der Widerstandsgruppe zweifeln lassen.

Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen zunehmend, und Chloe und ihre Freunde wissen nicht mehr, wem sie tatsächlich noch vertrauen können. In dem Wissen, sich der Edison Group nicht auf ewig entziehen zu können, sind sie gezwungen, eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen…

Höllenglanz” ist der finale Teil der Trilogie um “Die dunklen Mächte” aus der Feder von Kelley Armstrong.

Wie bereits beim zweiten Teil, so schließt auch der finale dritte Band der Reihe nahtlos an seinen Vorgänger an. Dank ihres frischen und ungemein fesselnden Schreibstil gelingt es Armstrong, den Leser erneut sehr schnell in die eigentliche Geschichte hineinzuziehen und lässt kaum eine Gelegenheit aufkommen, das Buch auch nur für Sekunden aus der Hand zu legen.

Auch wenn man zunächst glauben könnte, den Figuren sei endlich einmal die Gelegenheit gegeben, zur Ruhe zu kommen, so steht das Rad der Zeit keineswegs still. Der dunkle Schleier, der über den gesamten Geschehnissen liegt und sich nur sehr langsam zu lüften beginnt, ist mehr als greifbar und in nahezu jeder Zeile spürbar.

Erneut gelingt es Armstrong, ihre Figuren glaubhaft darzustellen, die Fehler, die jeder einzelnen hat, machen die  Charaktere umso realistischer. Man fühlt und fiebert mit, so sehr sind sie einem ans Herz gewachsen. Besonders Tori, im ersten Band noch nahezu unerträglich, hat sich jetzt endgültig zu meiner Lieblingsfigur aufgeschwungen.

Höllenglanz” war spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Einige Fragen werden geklärt, jedoch auch neue aufgeworfen – ein Grund mehr einen Blick auf die Nachfolgerreihe “The Darkest Rising” zu werfen, bei der es sich zwar nicht direkt um eine Fortsetzung handelt, die jedoch im selben Universum angesiedelt ist.

Gekonnt verknüpft Armstrong actionreiche Szenen mit ruhigen, teils sogar romantischen Momenten, die der Geschichte jedoch keinesfalls ihren Schwung nehmen, sondern sich perfekt und fast unbemerkt in die Handlung einfügen, und so auf keinen Fall störend oder erzwungen wirken.

Höllenglanz” ist der perfekte Abschluss einer wirklich sehr gelungenen Reihe und für mich der beste Band der gesamten Serie. Spannend und mystisch bis zum Schluss, voller überraschender und dramatischer Wendungen, mit glaubhaften Charakteren und einer Prise Gruselatmosphäre. Die passende Lektüre für die langsam wieder länger werdenden Nächte.

Die dunklen Mächte: Höllenglanz von Kelley Armstrong
Darkest Powers: The Reckoning
400 Seiten (Hardcover)
Verlag: PAN
Erschienen: Juni 2011
ISBN: 978-3426283431
14,99 €

Vielen herzlichen Dank an den PAN-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Christine Johnson: Jägerin des Mondlichts

Seit Wochen ist die amerikanische Kleinstadt Hannover Falls in Aufruhr, denn ein Werwolf hat mehrere Menschen angefallen und getötet. Doch all das interessiert Claire Benoit im Moment nur wenig. Denn dank ihres sechszehnten Geburtstages hat sie endlich einmal die Chance, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller zu stehen. Als sich auch noch der gutaussehende Matthew Engels für sie zu interessieren beginnt, scheint ihr Glück perfekt.

Bis ihre Mutter ein Geheimnis offenbart, das Claires gesamtes Leben auf den Kopf stellt. Denn sie gehört einer sagenumwobenen Dynastie von Werwölfinnen an, die seit Jahrhunderten in den Wäldern Nordamerikas leben. Normalerweise sind Werwölfe friedlich, aber in der Kleinstadt scheint es eine blutdurstige Verräterin zu geben.

Claire gerät im tiefer in einen Strudel aus Lügen und Gefahr, hat sie sich doch nicht nur einer Bestimmung zu stellen, sondern auch ihren Gefühlen zu Matthew, dessen Vater als bekannter Werwolfforscher und -jäger geschworen hat, die blutrünstige Kreatur einzufangen…

Bei “Jägerin des Mondlichts” handelt es sich nicht nur um das Deutschlanddebüt der amerikanischen Autorin Christine Johnson, sondern auch um ihr eigentliches Erstlingswerk.

Von Beginn an wird der Leser mitten hinein in die Geschichte geworfen, längere Einleitungsphasen sucht man hier vergebens. Die Existenz von Werwölfen ist hier kein Mythos aus längst vergangenen Zeiten, sondern eine Tatsache, mit der sich Forscher und eigens gegründete Organisationen seit Jahrzehnten beschäftigen. So ist es nicht allzu verwunderlich, dass Claire und ihre Freunde die Angriffe des Werwolfes ähnlich verfolgen wie wir eine ganz normale Nachrichtenmeldung.

Claire als Hauptperson hat mir zunächst einige Probleme gemacht. Ich hatte Schwierigkeiten mich mit ihrer Art und Weise anzufreunden, teilweise wirkt sie recht naiv, dann auch wieder gewollt stark und mutig. Zum Ende hin bessert sich das zwar etwas, aber komplett warm geworden bin ich mit ihr dann doch nicht.

Der eher schwachen und unglaubwürdigen Hauptperson wurde mit Matthew ein Charakter zur Seite gestellt, der zumindest etwas Entwicklungspotential aufzeigt. Natürlich bringt die Tatsache, dass sein Vater ein Werwolfjäger ist, die bei Romanen dieser Art erwartete Tragik mit in die aufkeimende Beziehung zwischen Matthew und Claire, kann sie sich doch nie sicher sein, ob ihr Geheimnis nicht doch ans Tageslicht kommt und ob Matthew dann tatsächlich noch zu ihr hält.

So wird viel Zeit auf Claire’s Versteckspiel verwendet, gleichzeitig aber muss sie sich mit ihrem Schicksal und ihrer neuen Identität abfinden und anfreunden. Und schnell wird ihr klar, dass die Werwölfinnen ihre ganz eigenen Regeln haben, denen Claire sich unweigerlich fügen muss.

Die Rahmenhandlung gestaltet sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten als recht spannend, auch wenn es der Autorin trotz aller Mühen nicht gelungen ist, mich auf eine falsche Fährte zu locken was die Identität des Verräters betrifft. Doch gerade dieses kriminalistische Element gibt dem Buch die entsprechende Würze, andernfalls hätte ich es wahrscheinlich unbeendet zur Seite gelegt.

Alles in allem bietet “Jägerin des Mondlichts” nicht viel neues, aber wer Romane dieser Art mag, dem wird auch dieses Werk gefallen. Die teilweise recht interessante Handlung und der flüssige Schreibstil trösten dann doch über einige Charakterschwächen hinweg. Kein schlechter Roman, aber auch kein allzu guter, eben da nicht viel Neues vorhanden war. Aber Liebhaber des Genres sollten vielleicht einen Blick riskieren.

Jägerin des Mondlichts von Christine Johnson
Claire de Lune
320 Seiten (Broschiert)
Verlag: Ullstein
Erschienen: April 2011
ISBN: 978-3548283173
8,99 €

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ullstein und bei Vorablesen für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Aimee Friedman: Der Junge aus dem Meer

Eigentlich wollte Miranda Merchant ihr Praktikum am Museum of Natural History beginnen, doch statt New York führt ihr Weg sie nach Selkie Island. Nach dem Tod ihrer Großmutter Isadora müssen sich Miranda und ihre Mutter um den Nachlass der alten Dame kümmern: ein altes Sommerhaus auf der Insel, dass sie so schnell wie möglich ausräumen und verkaufen wollen.

Schon während ihrer Anreise wird Miranda mit all den Mythen und Geschichten konfrontiert, die sich um Selkie Island ranken. Aber wer glaubt heutzutage noch an Seeschlangen und Meermenschen? Abergläubisches Geschwätz, um Touristen anzulocken.

Während Miranda Bekanntschaft mit den Menschen macht, die seit Jahren jeden Sommer nach Selkie kommen, und das seltsame Verhalten ihrer Mutter so manche Fragen aufwirft, versucht sie sich in ihr Schicksal zu fügen, den Sommer mit mode- und jungsverrückten reichen Mädchen zu verbringen.

Doch dann begegnet ihr der Fischerjunge Leo am Strand. Er zeigt ihr das wahre Selkie, das Selkie der Einheimischen. Miranda beginnt sich zu verlieben. Und bald schon muss sie sich die Frage stellen, ob die Legenden nicht doch der Wahrheit entsprechen…

Der Junge aus dem Meer” ist das aktuellste Werk der amerikanischen Autorin Aimee Friedman.

Das Buch präsentiert sich mit einem wirklich wunderschönen Cover, das auch noch perfekt zur Geschichte passt und eine entscheidende Szene innerhalb des Handlungsverlaufes darstellt. Eben sehr passend.

Miranda fand ich persönlich von Beginn an sehr glaubhaft dargestellt, und konnte mich auch mit ihrer Begeisterung für Naturwissenschaft und Forschung identifizieren. Sie wirkt teilweise etwas ernst, gerade auch im direkten Vergleich mit den anderen weiblichen Nebencharakteren, macht sich nicht so viel aus schicken Kleidern und Jungs. Gleichzeitig hat sie aber auch ein schüchterne Seite, die besonders bei ihren Begegnungen mit Leo zum Vorschein kommt. Und gerade diese Facetten machen sie sympathisch.

Leo dagegen ist der hübsche einheimische Junge, frei heraus und keinesfalls schüchtern. Gleichzeitig begeistert er sich ebenfalls für Meeresbiologie, und wirkt so ungemein perfekt für Miranda, entlockt er ihr doch Gefühle und Regungen, die sie sonst niemals hätte zu Tage treten lassen.

Die Atmosphäre auf der Insel, der Sommer und das Meer, die Leichtigkeit lassen Miranda’s doch sehr schnelle Verliebtheit auch wieder glaubhaft erscheinen. Denn wer hat bitte noch nicht einen eigenen Urlaubs- und Sommerflirt erlebt?

Das gesamte Buch vermittelt eine wundervolle romantische Urlaubsstimmung, die noch mehr von Friedmann’s zartem Schreibstil unterstrichen wird, und einen so auch über die doch eher höhepunktlose Handlung hinwegsehen lässt. Denn spannende oder gar actionreiche Szenen sucht man hier vergebens. Und irgendwie würde diese auch so gar nicht zu dieser zarten Geschichte passen.

Sehr gelungen finde ich auch das Verflechten der Mythen um die Meermenschen mit der eigentlichen Handlung. Der Titel lässt eigentlich erahnen, um wen oder was es sich bei Leo handelt, jedoch schafft es die Autorin, den Schleier nie ganz zu lüften und keine eindeutigen Indizien zu liefern. So bleibt es dem Leser selbst überlassen, ob aus der Legende Wahrheit wird oder nicht. Und doch liegt über der ganzen Geschichte und ihren Charakteren ein bisschen Zauber und Magie.

Der Junge aus dem Meer” ist eine wundervolle, zauberhafte Sommergeschichte, und lässt, obwohl durchaus auch als in sich abgeschlossen anzusehen, auf eine Fortsetzung hoffen. Das perfekte Buch für einen Tag in der Sonne oder gar am Strand, und definitiv ein Tip für den Sommer, gerade auch weil es sich so wunderbar von anderen Romantasy-Romanen abhebt. Lesen!

Der Junge aus dem Meer von Aimee Friedman
Sea Change
288 Seiten (Hardcover)
Verlag: Aufbau Verlag
Erschienen: April 2011
ISBN: 978-3351041311
14,95 €

Ganz herzlichen Dank an den Aufbau-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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