[Rezension] Kristín Marja Baldursdóttir: Sterneneis

Nie hätte sie sich vorstellen können, dass ihr einmal so etwas passiert. Doch nun ist Gunnur einem Raub zum Opfer gefallen. Mitten in der Nacht waren sie gekommen, die Einbrecher, wühlten in ihren Sachen, entwendeten Laptop, Handy, Schmuck und waren sogar in ihrem Schlafzimmer! Eines ist klar: Sie kann nicht hierbleiben, nicht jetzt.

Gunnur beschließt aufs Land zu fahren. Kurz vor ihrer Abreise steht plötzlich eine Bekannte vor ihrer Tür, mit einer Bitte an Gunnur, die eigentlich keine Bitte ist. Und ehe Gunnur einen klaren Gedanken fassen kann, steht sie da, zusammen mit Hugrun, der vierzehnjährigen Tochter ihrer Bekannten, auf die sie die nächsten Tage ein Auge haben soll.

Notgedrungen nimmt Gunnur das Mädchen mit in ihr Sommerhaus. Doch wie verbringen eine Frau in den Fünfzigern und ein Teenager drei Tage in völliger Abgeschiedenheit, wenn Handy, PC und Fernsehen ihren Dienst versagen?

Sterneneis” ist das neuste Werk der bekannten isländischen Autorin Kristín Marja Baldursdóttir auf dem deutschen Buchmarkt, und bereits im Jahre 2009 in Island erschienen.

Das Buch präsentiert sich mit einem wirklich wunderschönen Cover, das in einem ähnlichen Stil gestaltet ist wie auch die bisherigen deutschen Ausgaben von Kristín Marja Baldursdóttir’s Büchern. Die Aufmachung und der gewählte Titel waren es übrigens auch, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht haben.

Ich bin relativ unbefangen an das Buch herangegangen, habe mir aber schon ein leicht philosophisch angehauchtes Werk gewünscht, den dazu bietet der gewählte Handlungsrahmen genügend Möglichkeiten.

“Wie sehr wünsche ich mir, draußen in der Natur zu sterben, in den grünen und violetten Farben, mit der Zeit langsam in den Boden hinein zu verschwinden, wie die Blätter eines knorrigen Birkenwäldchens.”
(Sterneneis, S. 38)

Hauptperson ist Gunnur. Mitten in den Fünfzigern, Psychotherapeutin und kürzlich Opfer eines Einbruchs. Aus ihrer Perspektive wird die Geschichte erzählt, was wohl vor allem dazu dienen soll, dem Leser tiefere Einblicke in Gunnur’s Gefühlswelt zu ermöglichen. So arbeitet sie im Laufe der Zeit im Sommerhaus ihre Kindheitserinnerungen auf, in der sie sich mehr als nur einmal als Ballast, als nur im Weg gefühlt, sie erzählt von ihrer ersten Liebe, ihrem Leben. Gunnur ist ganz klar erwachsen und wirkt doch oft in ihren Gedanken und Handlung sehr kindlich und naiv. Ich kann sie mir schwer als Psychotherapeutin oder starke Frau vorstellen, gerade auch wenn man bedenkt, wie leicht sie sich das Mädchen Hugrun hat aufschwatzen lassen.

Hugrun, oder auch “das Reh“, ist eine doch etwas sehr verwöhnte Vierzehnjährige, stammt aus einem wohlhabenden Hause, in dem aber ganz deutlich die familiäre Wärme und Zuneigung zu fehlen scheint. Ihre Mutter hat nur die Arbeit und ihre Liebhaber im Kopf, und so verbringt Hugrun die meiste Zeit alleine, isst vor dem Fernseher, um zumindest das Gefühl von Gesellschaft zu haben. So ist es verständlich, dass sie sich krampfhaft an die gemeinsamen Unternehmungen mit Gunnur klammert.

Beide Charaktere haben ihre Schwierigkeiten – mit sich selbst und miteinander -, ihre Eigenarten, und vor allem Hugrun legte Verhaltensweisen an den Tag, die ich durchaus nachvollziehen konnte. Und es ist schließlich nicht einfach, plötzlich mit einer fremden Frau allein zu sein. Mit Gunnur stattdessen konnte ich so gar nicht warm werden, hat sie doch Anwandlungen und Züge, die mehr an einen Teenager erinnern als an eine Erwachsene, und schon gar nicht an eine Psychologin. Gunnur ist in meinen Augen sehr naiv, störrisch und ungemein kindisch.

Zusätzlich geschürt wurde meine Abneigung gegen Gunnur wohl auch dadurch, dass sie als Ich-Erzählerin fungiert. Baldursdóttir scheint mit “Sterneneis” in meinen Augen recht deutlich die Geschichte ihrer Gunnur, die, anhand der Rückblicke, gleichzeitig eine Geschichte über die Frau in Island an sich ist, erzählen zu wollen. Doch was bringt ein Buch, das sich mit der Entwicklung eines Charakters auseinandersetzt, man aber nicht mit der Person warm wird, sich nicht mit ihr identifizieren kann?

Nichtsdestotrotz, das Buch hebt sich stilistisch gesehen von anderen Werken ab, vor allem wohl auch, weil die Autorin keine wörtliche Rede verwendet, und stattdessen die Dialoge fließend im Text verarbeitet. So verwischen die Grenzen zwischen Gesprochenem und Gedachtem, was deutlich zur Atmosphäre des Buches beiträgt. Zusätzlich werden dem Leser Einblicke ins Land und ins Leben der Isländer gewährt, und einige Szenen im Buch sind so wundervoll formuliert, dass sie einem auch nach dem Lesen noch in Erinnerung bleiben.

“Es kommt mit der Dunkelheit. Die Sterne und der Mond, das Verlangen und die Sehnsucht. Verborgene Wesen treten aus den Felsen hervor, tauchen aus der Lava auf, eilen zum Weiher hinunter, wo der Reigen getanzt wird. Das Gedächtnis verliert jegliches Zeitgefühl, glaubt, um Jahrzehnte jünger zu sein, fleigt in die Phantasie hinein.”
(Sterneneis, S. 152)

Bei “Sterneneis” handelt es sich um eine im Ansatz gute Idee, die aber unter einer Hauptperson zu leiden hat, die es einem schwer macht sie als sympathisch oder glaubwürdig zu empfinden. Wunderschöne Formulierungen und Landschaftsbeschreibungen brachten aber zumindest mich dazu, dem Buch bis zum Ende treu zu bleiben. Eine ungeschränkte Empfehlung kann und will ich nicht geben. “Sterneneis” und seine Charaktere wirken wahrscheinlich auf jeden Leser anders, jeder bringt eigene Empfindungen mit hinein in diese Geschichte – die eigentliche Gesamtwirkung von Baldursdóttir’s Konstrukt wird also bei jedem eine andere sein.

Sterneneis von Kristín Marja Baldursdóttir
Karlsvagninn
240 Seiten (Hardcover)
Verlag: Krüger
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3810502667
16,95 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Krüger Verlag sowie bei Lovelybooks für das zur Verfügung gestellte Testleseexemplar.

[Rezension] Maxime Chattam: Alterra 3 – Der Krieg der Kinder

Achtung: Wer die beiden Vorgänger-Bände “Die Gemeinschaft der Drei” und “Im Reich der Königin” noch nicht gelesen hat, für den könnte diese Rezension Spoiler enthalten.

Ein grauenvoller Orkan hat die bekannte Welt für immer verändert. Malronce, die Königin der Zyniks, wie die überlebenden Erwachsenen nun genannt werden, und ihre Soldaten glauben fest, dass es sich bei diesem Orkan um eine göttliche Strafe für ihre Sünden handelt. Um Erlösung zu erlangen, benötigen die Zyniks eine Karte, die sich auf dem Körper eines Mädchens befinden soll.

Auf ihrer gemeinsamen Reise mussten sich Matt, Ambre und Tobias vielen Gefahren stellen, die letztendlich ein Opfer forderten: Tobias wurde vom Torvaderon aufgesogen, einem unheimlichen Schattenwesen, das Jagd auf Matt zu machen scheint. Matt ist überzeugt, dass Tobias noch am Leben ist, und will ihn retten, doch dieser Plan rückt in weite Ferne.

Denn angekommen in Eden, der Hauptstadt der Pans, müssen sie und die anderen Kinder eine Entscheidung treffen. Denn Malronce rüstet zum Kampf, um das gesuchte Kind zu finden und die Pans ein für alle mal auszulöschen. Gemeinsam entwerfen Matt und seine Freunde einen Angriffsplan, der sie ins Herz des Zynik-Reiches führt, und rüsten sich für einen Krieg, der ein für alle Mal über ihr Schicksal entscheiden wird. Doch wird es den Kindern tatsächlich gelingen, gegen Tausende von Soldaten der Königin zu bestehen? Und schaffen es Matt und Ambre, das Geheimnis der Karte zu entschlüsseln?

Mit “Der Krieg der Kinder” liegt der dritte Teil der Alterra-Reihe aus der Feder des französischen Autors Maxime Chattam, der bereits 2010 in Frankreich erschien, nun endlich auch auf Deutsch vor.

Nahtlos schließt Teil drei an seinen Vorgänger an, und lässt sowohl den Charakteren als auch dem Leser nur wenig Zeit zum Atem holen. Jede Zeile ist förmlich durchdrungen von einer unheilgeschwängerten Atmosphäre, dass ein Krieg bevorsteht ist deutlich zu spüren. Die Stimmung ist ernst, gereizt und nicht unbedingt harmonisch, denn nicht jeder Pan ist für einen Kampf gegen die Zyniks.

Matt und Ambre müssen also zum einen die Pans davon überzeugen, sich gegen die nahenden Armeen der Zyniks zu wehren, als auch eine Möglichkeit finden, die Karte weiterhin vor Malronce zu verbergen, und der Königin bei der Entschlüsselung zuvor zu kommen. Denn obwohl sie sich nicht kampflos ergeben wollen, scheint es doch sehr unwahrscheinlich, dass Kinder gegen die erprobten Soldaten bestehen können.

Chattam schafft es mit seinen Figuren immer wieder zu überraschen. Die Charaktere sind alles andere als eindimensional, alle haben mit ihren eigenen Ängsten und Schattenseiten zu kämpfen, selbst der größte Held oder auch Widersacher weißt Züge auf, die ihm mehr Tiefe und Glaubwürdigkeit verleihen. Der Autor schafft es, selbst seinen Nebencharakteren eine Persönlichkeit einzuhauchen, die der der Hauptpersonen in nichts nachsteht.

Mit seinem sehr klaren und schnörkellosen Schreibstil, der ohne ausschweifende Formulierungen auskommt, schafft Chattam eine Welt, deren dunkle Geheimnisse und Kreaturen einem unzählige Schauer über den Rücken jagen. Eine Welt, in der selbst Disneyworld bedrohlich wirkt, in der es aber immer wieder Lichtblicke und Hoffnung gibt.

Diese Lichtblicke sind es auch, die “Der Krieg der Kinder” so ungemein spannend und fesselnd wirken lassen. Denn trotz all den Bedrohungen, Verlusten und Gefahren, Tod und Blut, dem Abschiednehmen von liebgewonnenen Charakteren zaubert Chattam immer wieder eine überraschende und dramatische Wendung zu Tage, die das gesamte Schicksal der Figuren in seinen Grundfesten erschüttern könnte. Und nebenbei bestätigen sich in diesem Band auch einige meiner Theorien, die mir beim Lesen der beiden Vorgänger in den Sinn gekommen sind.

Zusätzlich bedient sich Chattam hier wieder sehr deutlich der sogenannten Gaia-Theorie bzw. -Hypothese, die von James Lovelock und Lynn Margulis aufgestellt wurde, und in der die Erde selbst als Lebewesen betrachtet wird. Dieser Ansatz zieht sich durch alle drei Bücher der Alterra-Reihe, wird aber in diesem Band noch einmal beleuchtet und wird noch ein sehr wichtige Rolle spielen.

Alterra – Der Krieg der Kinder” ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite, voller fantastischer Charaktere, die sich ihren schlimmsten Albträumen stellen müssen, und doch die Hoffnung nie aufgeben. Dieses Buch muss man einfach lesen.

Alterra – Der Krieg der Kinder von Maxime Chattam
Autre-Monde: Le coeur de la terre
432 Seiten (Hardcover)
Verlag: PAN
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3426283073
16,99 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim PAN-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

“Ein einziger Augenblick kann ein Leben ändern.”

Sommer 1990. Ein kleines Dorf nahe der deutsch-deutschen Grenze, die nun eigentlich keine mehr ist.

Maria wird bald siebzehn und wohnt mit ihrem Freund Johannes auf dem Hof seiner Eltern. Das verträumte Mädchen verkriecht sich lieber mit Dostojewskijs “Die Brüder Karamasow” anstatt zur Schule zu gehen – im Gegensatz zu Johannes, der feste Pläne für seine Zukunft zu haben scheint.

Auf dem Nachbarhof lebt der vierzigjährige Henner. Der alleinstehende Mann wird von den Leuten aus dem Dorf eher argwöhnisch betrachtet. Doch der tragische Hauch, der seine Vergangenheit umgibt, ändert nichts daran, dass der charismatische Mann eine gewisse Wirkung auf Frauen hat.

Ein zufälliger Blick, eine Berührung lösen in Maria eine Sehnsucht aus, die so fremd und übermächtig ist, dass sie sich ihr nicht erwehren kann, und sie daher wie von höherer Gewalt geleitet in Henners Haus und seine Arme treibt…

Irgendwann werden wir uns alles erzählen” ist der Debütroman der deutschen Autorin Daniela Krien, und wurde bereits vor seinem eigentlichen Erscheinen an 13 weitere Länder verkauft.

Von diesem Buch habe ich von Anfang an sehr viel erwartet. Diese Erwartungen wurden mehr als nur übertroffen, und nun suche ich nach Worten, die beschreiben, wie unglaublich fantastisch dieses Werk ist. Allein das Cover unterstreicht die Stimmung des Romans, wirkt in seiner Farbgebung älter, der staubtrockene Feldweg, die Gräser und weiter Felder lassen die Hitze des Sommers fast ganz von alleine lebendig werden.

Maria lebt bei der Familie ihres Freundes, statt bei ihrer Mutter. Was zunächst seltsam erscheint, ist für die Familie Brendel selbstverständlich. Ein typischer Generationenhaushalt – Großmutter Frieda, Vater Siegfried, Mutter Marianne, ihr ältester Sohn Johannes, der zwölfjährige Lukas sowie “Knecht” Alfred leben zusammen unter einem Dach. Und solange sie ihre Aufgaben auf dem Hof erfüllt, so scheint Marias Anwesenheit kein Problem darzustellen.

Das siebzehnjährige Mädchen wirkt verträumt, weiß noch nicht, was sie mit sich und ihrer Zukunft anfangen möchte. Während Johannes seinem Abschluss macht und sich immer mehr in der Fotografie verliert, versinkt Maria zusammen mit den Brüdern Karamasow in einer anderen Welt. Bis diese durch Henner gehörig auf den Kopf gestellt wird.

Henner wirkt eher wie ein Gutsbesitzer aus alten Zeiten, hat mit der Landwirtschaft eher wenig am Hut. Einzig und allein für Pferde scheint er ein Talent zu haben. Als Weiberheld und Trunkenbold verschrien, ist er bei den restlichen Dorfbewohnern eher ungern gesehen. Auch charakterlich erscheint Henner zunächst nicht gerade einfach. Doch mit der Zeit schleicht sich auch dieser Charakter ins Herz des Lesers, trotz seiner Eigenarten.

Die Liebesgeschichte zwischen Maria und Henner verläuft keinesfalls so, wie man es vielleicht erwarten würde. Allein der Beginn dieser “Romanze”, die in meinen Augen gar nicht zufälligen und schon fast unsittlichen Berührungen seitens Henners, zeigt schon früh, dass es sich hier nicht um die Erfüllung einer Kleinmädchen-Fantasie handelt. Stattdessen ist diese Liebe heftig, unberechenbar und wild, fast schon verzweifelt, und doch so real, so echt. Allein der Altersunterschied macht diese Beziehung zu etwas Verbotenem, etwas Geheimen. Eine Beziehung, die das Leben der beiden Hauptcharaktere für immer verändern wird, sollte sie jemals ans Licht kommen.

Maria verstrickt sich immer mehr in Lügen, um Möglichkeiten zu finden Zeit mit Henner zu verbringen. Sie schwankt zwischen Euphorie und schlechtem Gewissen, vergießt Tränen, leidet, liebt und lebt. Henner ist ihre Zuflucht, und während Johannes sich immer mehr von ihr abzuwenden scheint findet sie bei ihm Bestätigung.

“Ich taumele von einem Gefühlszustand zum nächsten, lebe von einem Tag zum anderen, ganz und gar gegenwärtig, ganz im Jetzt, und das Jetzt ist der Henner. Johannes und die Zukunft liegen im Ungewissen.”

Daniela Krien erzählt auf der einen Seite eine Familiengeschichte. Eine Geschichte, zu der Maria noch nicht ganz dazu gehört, doch ihr Platz bei den Brendels festigt sich immer mehr. Gleichzeitig ist “Irgendwann werden wir uns alles erzählen” eine Liebesgeschichte. All das spielt sich vor dem Hintergrund der sich auflösenden DDR ab, ein Land, das alle Charaktere dieses Buches unweigerlich gezeichnet hat. Die Öffnung dieses Landes in Richtung Westen, die Möglichkeiten, Veränderungen und Ängste bilden den großen historischen Rahmen, sind aber nie direkt Thema. Denn für Maria, die als Ich-Erzählerin fungiert, ist die offene Grenze, die zunächst wie das Tor zur Freiheit erscheint, plötzlich völlig unwichtig.

Der Autorin gelingt es diese Geschichte, die völlig ohne spannende oder atemraubende Elemente auskommt, doch so zu gestalten, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Maria und Henner verzaubern den Leser, einwickeln einen Bann, der von der ersten Sekunde an verzaubert. Sprachlich einfach und ohne überschwengliche Formulierungen schafft es Krien jedoch, die Sehnsucht wirklich greifbar zu machen, schreibt sie doch ungemein bildlich, dass jedes Wort eine unglaubliche Lebendigkeit ausstrahlt.

Irgendwann werden wir uns alles erzählen” ist ein wunderbares Buch, voller Sehnsucht und Sinnlichkeit, das die Geschichte einer eigentlich verbotenen Liebe erzählt, ohne dabei jemals kitschig oder unrealistisch zu wirken. Ein Buch, so wunderschön, so voller Zauber, Melancholie und Leben; sprachlich einfach und doch so grandios. Absolut lesenswert.

Irgendwann werden wir uns alles erzählen von Daniela Krien
240 Seiten (Hardcover)
Verlag: Graf
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3862200191
18,00 €

Ich bedanke mich ganz, ganz herzlich beim Graf-Verlag für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Olivia Cunning: Backstage Pass – Sinners on Tour 1

Hinweis: Aufgrund der expliziten Erotik-Szenen empfehle ich das Buch erst ab 18 Jahren.

Myrna Evans, Psychologin und Sexualkunde-Professorin, befindet sich auf einer Konferenz, als sie in der Bar des Hotels auf die Mitglieder der bekannten Rockband “The Sinners” trifft. Die Ablenkung kommt ihr gerade recht, und so geht Myrna auf die Avancen der Band ein und nimmt am Gelage in der Hotelbar teil.

Brian Sinclair, seines Zeichens Songwriter und Lead-Gitarrist, hat gerade seine aktuelle Freundin und Muse verloren und befindet sich in einem Schaffenstief. Und obwohl ihm gerade erst sein Herz gebrochen wurde, steht er mitten in der Nacht vor der Tür von Myrnas Hotelzimmer. Nach einigen heißen Stunden ist eines klar: Myrna ist seine neue Muse!

Alles könnte so einfach sein, besonders als Myrna beginnt die Band wegen einer Studie auf ihrer Tour zu begleiten. Doch Myrnas Vergangenheit droht die Beziehung zwischen ihr und Brian zu zerstören…

Bei “Backstage Pass” handelt es sich um den ersten Band der Sinners-on-Tour-Reihe von Olivia Cunning.

Love, Sex and Rock ‘n’ Roll – an sich bin ich relativ unbefangen und ohne großartige Erwartungen an dieses Buch heran gegangen, denn mich hat zunächst nur die Tatsache angesprochen, dass es hier um eine Rockband geht.

Brian “Master” Sinclair ist nach außen hin der harte Rocker, im tiefsten Innern sehnt er sich aber nach der großen Liebe. Er neigt dazu sein Herz sehr schnell an Frauen – meist Groupies – zu verschenken, doch genau so schnell wird es ihm wieder gebrochen. Oft ist daran Sänger Sed Lionhart nicht ganz unschuldig, was unweigerlich immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden führt.

Myrna Evans ist im Vergleich zu den Rockern ganz Buisnessfrau, wirkt aber nur auf den ersten Blick gesittet. Mit Brian entdeckt Myrna Seiten an sich wieder, die sie eigentlich für immer vergessen wollte. Denn ihr Ex-Mann Jeremy hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Myrna an ihrem Selbstwertgefühl zweifelt und sich nicht mit Herz und Seele ganz auf Brian einlassen geht.

Beide Hauptcharaktere haben ihre Stärken und Schwächen, auch wenn Brian manchmal wirklich nichts anderes als Sex im Sinn zu haben scheint. Diese Szenen sind es auch, die einen Großteil des Buches ausmachen, denn Cunning hält sich in Sachen Ausführlichkeit nicht gerade zurück, und setzt ihr Pärchen als sehr experimentierfreudig in Szene. Trotz allem wirken die Erotikparts keinesfalls geschmacklos und die Autorin schafft es, nicht ins vulgäre abzudriften.

Denn trotz allem gelingt es Cunning, die Intensität der Gefühle zwischen Myrna und Brian ohne kitschige Formulierungen zu vermitteln, und gerade die Szenen in denen Brian beginnt Noten niederzuschreiben, die ihm beim Liebesspiel mit Myrna in den Sinn kommen, sind mir positiv im Gedächtnis geblieben.

Backstage Pass” profitiert vor allem auch von seinen Nebencharakteren, allen voran natürlich den anderen Mitgliedern der Sinners: Sed, Eric, Jace und Trey, wobei mir besonders der bisexuelle Trey wirklich sehr ans Herz gewachsen ist, da er besonders zu den humorvollen Momenten im Buch beiträgt. Von Anfang bis Ende musste ich immer wieder kleinere Lachanfälle unterdrücken, denn in Sachen Situationskomik scheint Cunning wirklich eine Meisterin zu sein.

Natürlich, streicht man die Sexszenen bleiben vielleicht gerade einmal 100 Seiten richtige Handlung übrig, dennoch hat “Backstage Pass” durchaus seinen Charme und bietet ein gewisses Lesevergnügen – vorausgesetzt man liest gerne Geschichten dieser Art. Stilistisch drückt sich Cunning sehr klar und direkt auf, verzichtet auf ausschweifende Umschreibungen und macht ihr Werk damit zu einem kurzweiligen Lesevergnügen – ich persönlich hatte das Buch binnen drei Tagen beendet.

Kurzum: Cunning liefert mit “Backstage Pass” einen perfekten Startband ab, voller Erotik, Charma, Witz, Dramatik und Rock ‘n’ Roll, mit sympathischen und glaubhaften Charakteren, die einem mit jeder Zeile immer mehr ans Herz wachsen. In meinen Augen unbedingt einen Blick wert. Ich freue mich schön jetzt auf die nächsten Bände der Reihe.

Backstage Pass: Sinners on Tour 1 von Olivia Cunning
378 Seiten (Broschiert)
Verlag: Sourcebooks Inc.
Erschienen: Oktober 2010
ISBN: 978-1402244421
ca. 11 €

Ein Klick auf das Bild führt zur “Offiziellen” Homepage der Sinners.

[Rezension] Peter Abrahams: Was geschah in Echo Falls?

Eigentlich hat die dreizehnjährige Ingrid schon genug um die Ohren mit dem Fußballtraining, der Vorbereitung auf die heißersehnte Rolle in “Alice im Wunderland“, ihren in letzter Zeit seltsamen Eltern, die irgendwie ihren Bruder Ty zu bevorzugen scheinen und ihrem exzentrischen Großvater.

Doch dann geschieht ein Mord in der sonst eher beschaulichen Kleinstadt Echo Falls, in der die schlimmsten Delikte bisher nur übermäßiger Alkoholkonsum waren. Und durch einen dummen Zufall scheint Ingrid die Letzte zu sein, die das Opfer lebend gesehen hat – abgesehen vom Mörder selbst.

Ungewollt gerät Ingrid mitten hinein in die Ermittlungen. Während die Polizei im Dunkeln zu tappen scheint, versucht Ingrid den Fall auf eigene Faust aufzuklären, um zu beweisen, dass sie mit all dem nichts zu tun hat. Mit Hilfe ihres großen Idols, Sherlock Holmes, begibt sie sich auf eine gefährliche Suche und findet bald schon heraus, dass Echo Falls gar nicht so harmlos ist, wie es scheint…

Bei “Was geschah in Echo Falls?” handelt es sich um den Auftaktband einer auf mehrere Bände ausgelegten Reihe aus der Feder des amerikanischen Autors Peter Abrahams. Das erste Jugendbuch des Thriller-Autors erschien bereits im Jahre 2007 als deutsche Hardcover-Ausgabe, und ist seit August 2011 als Taschenbuch erhältlich.

Einigen mag vielleicht gleich zu Beginn folgender Gedanke kommen: Klingt nach Flavia de Luce. Irgendwie mag das ja im Ansatz durchaus stimmen, schließlich geht es in beiden Buchreihen um eine junge weibliche Hauptperson, die in Kriminalermittlungen gerät – aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf. Denn im Gegensatz zu Flavia stolpert Ingrid eher zufällig in die Mordermittlungen hinein. Und ganz nebenbei erschienen Abrahams Bücher (2006) eher als die Romane von Bradley (2009). Vergleich sind also keineswegs angebracht, denn bei beiden Reihen handelt es sich um völlig eigenständige Werke.

Mit der dreizehnjährigen Ingrid hat Abrahams eine Hauptperson geschaffen, mit der sich die meisten Leser recht gut identifizieren können. Sie ist nach der Lieblingsschauspielerin ihrer Mutter benannt, spielt mit großer Begeisterung Fußball, hat ab und an so ihrer Schwierigkeiten mit Mathe und träumt von der Hauptrolle im neuen Theaterstück ihrer Schaupspieltruppe, der Prescott Players. Nebenbei hat auch ihre Familie so einige seltsame Anwandlungen. Alles in allem wirkt Ingrid als unglaublich normal und keinesfalls perfekt – und genau das macht sie sympathisch.

Sie macht Fehler, trifft auch mal eine falsche Entscheidung, und ist dennoch einfach liebenswert. Dank einer dieser Fehlentscheidungen gerät Ingrid mitten hinein in der Ermittlungen um den Mord an Müll-Katie. Denn schließlich hat sie die Dame zum letzten Mal lebend gesehen, und wegen eines Missgeschicks hält Ingrid sich auf einmal für eine mögliche Hauptverdächtige.

Mit dem Genie Sherlock Holmes als Vorbild macht sie sich daran, ihre Unschuld zu beweisen, indem sie den wahren Mörder findet. Wie ihr Held auch lernt sie die Straßenpläne ihrer Heimatstadt auswendig – Sherlock Holmes war dafür bekannt jede Straße in London beim Namen nennen zu können – und sucht überall nach Indizien. Und falls das jetzt zu mutig klingt: Auch Ingrid hat Angst, oft sogar. Wieder ein Punkt, der das Mädchen umso glaubhafter macht.

Auch die auftretenden Nebencharaktere sind Abrahams durchaus gelungen, haben Persönlichkeit und wirken, je nachdem, sympathisch, seltsam, nervig oder undurchsichtig. Besonders ans Herz gewachsen ist mir der Polizeichef von Echo Falls, Gilbert L. Strade – jedem, der ein bisschen in Sachen Sherlock Holmes bewandert ist wird dieser Name ein Lächeln auf das Gesicht zaubern.

Abrahams schreibt auf eine leicht ironische und sarkastische Art und Weise, flüssig-frisch und frei von der Leber weg und unterstreicht damit den Charakter seiner Hauptperson noch besser. Angenehm ist auch, dass der Autor hier nicht auf die inzwischen nahezu überall zu findende Ich-Erzählweise zurückgreift, es ihm aber trotzdem gelingt, dem Leser Einblicke in Ingrid’s Gefühlswelt und Gedanken zu geben.

Doch auch die Spannung kommt nicht zu kurz. Bis zum letzten Moment lässt Abrahams den Leser zappeln, und schafft ein Finale, das einem den Atem raubt und um die Figuren zittern und bangen lässt, auch wenn die eigentliche Auflösung dem aufmerksamen Leser schon vorher klar sein wird. 

Was geschah in Echo Falls?” ist ein mehr als spannendes Buch, das junge wie auch ältere Leser gleichermaßen begeistern kann und mit liebenswerten, glaubhaften Charakteren und einer spannenden Geschichte überzeugt. Abrahams hat mit seinem Debüt im Jugendbuchbereich ganze Arbeit geleistet. Und Stephen King bezeichnet dieses Buch bestimmt nicht umsonst als sein absolutes Lieblingsbuch. Definitiv lesenswert.

Was geschah in Echo Falls? von Peter Abrahams
Down The Rabbit Hole
349 Seiten (Broschiert)
Verlag: Bloomsbury K&J
Erschienen: August 2011
ISBN: 978-3833350801
8,95 €

Ich bedanke mich ganz, ganz herzlich beim Verlag Bloomsbury K&J für das so freundlich zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Julie Kagawa: The Iron Daughter – Iron Fey 2 (dt. Plötzlich Fee-Winternacht)

Achtung: Für alle die den ersten Teil “The Iron King (dt. Plötzlich Fee – Sommernacht)” noch nicht gelesen haben, könnte diese Rezension Spoiler enthalten!

Meghan’s Leben hat sich für immer verändert. Zwar war sie schon immer in gewisser Weise eine Außenseiterin, doch jetzt fühlt sie sich verlorener den je. Zur Hälfte Mensch, zur Hälfe Feenprinzessin, steht sie zwischen zwei Welten.

Als Gefangene der Winterkönigin Mab kann sie niemandem an diesem eiskalten und trügerischem Hof vertrauen. Und auch ihre Feenkräfte lassen sie immer mehr im Stich.

Während ein Krieg zwischen den Sommer- und Winterfeen aufzuziehen beginnt, ist Meghan die Einzige, die erkennt, was dahinter steckt. Doch niemand schenkt ihren Geschichten über die Iron Fey Glauben, magische Geschöpfe, die selbst die Grausamkeit von Mab in den Schatten stellen.

Einzig Winterprinz Ash könnte Megahn’s Geschichte bestätigen, aber seit ihrer Ankunft an Mab’s Hof hat sie ihn nie wieder gesprochen… Hat er sie wirklich verlassen?

Während Meghan versucht den aufziehenden Krieg zu verhindern und das gestohlene Zepter der Jahreszeiten zurückzuholen, begibt sie sich in große Gefahr und muss ihr Leben sogar einem Verräter anvertrauen, wohlwissend, dass dies für sie tödlich enden könnte…

Bei “The Iron Daughter” handelt es sich um den zweiten Teil der “Iron Fey“-Reihe der amerikanischen Autorin Julie Kagawa.

Wie bereits der erste Teil präsentiert sich auch dieser Band  mit einem farblich wirklich sehr schönen Cover, wobei sowohl Schrift als auch das Rankenmuster – welches sich auch innerhalb des Buches fortsetzt – in einer Art Reliefprint aufgedruckt sind.

Doch nicht nur das Cover weißt Ähnlichkeiten zum ersten Band auf, auch in Sachen Handlung erweist sich “The Iron Daughter” als ebenso fesselnd wie sein Vorgänger.

Kagawa gelingt es, den Leser von der ersten Seite an zu begeistern. Ihr sehr leichter, fließender Schreibstil zieht einen unwiderruflich immer tiefer in eine äußerlich wunderschöne, magische Welt, die jedoch, lüftet man den Schleier, voller Dunkelheit und Gefahren steckt.

Gefangen am Hof der Winterfeen, an dem Emotionen und Gefühle als Schwäche gelten, muss Meghan mehr den je darauf achten, sich in Zaum zu halten. Doch die plötzliche Kälte, die ihr von Ash, ihrer großen Liebe, entgegenschlägt, kann sie nur schwer ertragen. Die Gefühle zwischen den beiden, Meghan und Ash, ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch, ohne sich jedoch allzu sehr in den Vordergrund drängen zu wollen. Der Autorin gelingt es, das zarte Band zwischen ihnen, das noch nicht gänzlich zerrissen ist, sehr einfühlsam und doch glaubhaft darzustellen.

Doch hat diese Beziehung wirklich eine Chance? Bereits im ersten Band hat sich eine Art Dreiecksbeziehung angekündigt, und genau diese führt Kagawa hier gekonnt fort. Und schnell ist klar, dass Meghan sich ihrer Gefühle selbst nicht sicher ist…

Meghan, Ash und Puck – sie alle gewinnen in diesem Band an Tiefe, Einblicke in ihre Vergangenheit und Gefühlswelt machen einige vorangegangene Reaktionen verständlicher, glaubhafter. Alle besitzen sie liebenswerte Seiten, aber auch Eigenschaften, die sie alles andere als perfekt wirken lassen. Und genau dies macht sie so ungemein sympathisch.

Die eigentliche Handlung verläuft spannend, mit dramaturgischen Höhen und Tiefen, und nur ein oder zwei ruhigere Momente geben dem Leser kurz Zeit, wieder zu Atem zu kommen.

The Iron Daughter” ist eine mehr als gelungene Fortsetzung der “Iron Fey“-Reihe, voller Spannung, Dramatik und Gefühl, mit ganz wunderbaren Charakteren und definitiv einen Blick wert.

The Iron Daughter: Iron Fey 2 von Julie Kagawa
304 Seiten (Broschiert)
Verlag: Harlequin
Erschienen: August 2010
ISBN: 978-0373210138
ca. 7 €

[Rezension] Hermann Stefánsson: Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte

Der Schriftsteller Guðjón Ólafsson wacht im Krankenhaus auf, ohne Sprache und ohne Erinnerung daran, wie und warum er dorthin gekommen ist. Sein Vater hilft ihm, den Weg zurück in die Wirklichkeit zu finden, doch um welche Wirklichkeit geht es eigentlich?

 Allmählich gewinnt Guðjón seine Sprache wieder und findet heraus, dass Helena, die ihm sein Vater als seine Freundin vorstellt, und er am europäischen Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz einem durch Medikamente unterstützten Experiment unterzogen worden sind, bei dem es um Zeitreisen in die Vergangenheit ging…

“Die Versuche des Menschen, die Welt um sich herum zu verstehen, ist eine der wenigen Dinge, die das Leben aus der Flachheit der Farce zu tragischen Höhen emporhebt.”
- Steven Weinberg -

Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” von Hermann Stefánsson erschien in Island bereits im Jahre 2008, und hat nun endlich auch den Weg auf den deutschen Buchmarkt gefunden.

Ich hatte von Beginn an sehr große Erwartungen an dieses Buch gestellt. Zum einen hat mich bereits der Titel angesprochen, zum anderen natürlich die Erwähnung von CERN. Wenn man, wie ich, selbst eher im Forschungslabor zu Hause ist, dann erscheint ein solches Buch fast schon wie ein Geschenk des Himmels.

Im Vergleich zu anderen aktuellen Veröffentlichungen ist das Cover von “Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” eher schlicht gehalten, aber meiner Meinung nach würde Stefánssons Werk allein aus diesem Grund in einer Buchhandlung auffallen, denn dezent in Grautönen gehaltene Cover sind heutzutage schon eher eine Seltenheit.

Von der ersten Zeile an zieht einen Steffánssons Werk in seinen Bann. Es ist wunderschön zu lesen, bietet wundervolle Formulierungen, ist mal einfach gehalten, und dann plötzlich wieder hoch philosophisch und wissenschaftlich.

“Weiße Welt stürzt ihm ins Bewusstsein, konfus und fremd. Fragmentarisches Erkennen, verschwommene Grenzen zwischen dem einen Gedanken und dem nächsten.”

Es gelingt dem Autor Guðjóns Verwirrtheit direkt nach dem Aufwachen auf faszinierende Weise sprachlich darzustellen. Verdrehte Worte und Buchstaben wechseln sich mit zusammenhanglosen Gedankenfetzen ab, und lassen es dem Leser ähnlich ergehen wie der eigentlichen Hauptperson.

Guðjóns als Charakter erweist sich als ungemein faszinierend, ist er sich doch seiner eigenen Identität oft selbst nicht sicher. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wird, sind sowohl sein Langzeit- als auch sein Kurzzeitgedächtnis schwer angegriffen. Er vergisst viele Dinge sofort wieder, stellt ständig die selben Fragen, die ihm sein Vater immer wieder beantworten muss. Vor dieser Vaterfigur hatte ich von der ersten Minute an großen Respekt, stellt er sich doch dieser ungemein schweren Aufgaben, die alles an Geduld und Gemütsruhe fordert, die ein Mensch aufweisen kann.

Wechsel zwischen Ich- und Er-Perspektive zeigen zusätzlich als sprachliche Mittel Guðjóns Schwierigkeiten in Sachen Identitätsfindung auf. Er leidet an Flashbacks; macht oft keinen Unterschied zwischen sich selbst und erfundenen oder historischen Persönlichkeiten, in deren Leben er während seiner Anfälle (Ausfälle?) er episodenhaft Einblick gewinnt.

Neben Guðjón fungiert Helena ebenfalls als wichtiger Charakter, der immer mehr Raum einnimmt und Guðjón zeitweise als Erzähler ablöst. Im Gegensatz zum ihm wirkt sie normal, ihre Textpassagen unterscheiden sich deutlich von Guðjóns, sind klarer, direkter und weniger verworren gehalten. Doch bald schon ereignen sich auch in ihrem Leben Dinge, die Fragen aufwerfen – bei ihr und beim Leser.

Und Fragen stellt sich der Leser bei diesem Roman wohl ständig. Was ist real? Was ist Fiktion? Handelt es sich bei dieser oder jener Szene um etwas, das tatsächlich in der realen Welt geschieht, oder doch nur um eine von Gudjons Episoden? Nach und nach kommt Licht ins Dunkel. Das Voynich-Manuskript, Schrödingers Katze als Symbol für einen zeitlosen Wahrscheinlichkeitsraum, Quantenmechanik, Teilchen – all dies beginnt sich zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.

“Traum und Wirklichkeit sind eins geworden, die Zeit legt sich quer, schließlich aber verläuft sie sich.”

Hermann Stefánsson hat mit “Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” einen Roman geschaffen, der sich an wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Amnesie und den Gesetzmäßigkeiten der kleinsten Teilchen der materiellen Welt orientiert, und daraus eine Geschichte formt, die so anders ist, so besonders, so faszinierend, das es kaum passende Worte zu geben scheint, um dieses Werk wirklich gebührend zu würdigen. Kein einfacher Roman, aber in meinen Augen ein wahrer Diamant, der all jene, die sich die Zeit nehmen um in Guðjóns Welt einzutauchen, mit auf eine unvergessliche Reise nimmt.

Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte von Hermann Stefánsson
Algleymi
256 Seiten (Broschiert)
Verlag: litteraturverlag roland hoffmann
Erschienen: September 2011
ISBN: 978-3-940331-07-6
24,90 €
Bezogen werden kann das Buch HIER auf der Verlagswebseite.

Ich bedanke mich ganz, ganz herzlich beim litteraturverlag roland hoffmann und bei Blogg dein Buch für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Carlos Ruiz Zafón: Marina

“Wir alle haben im Dachgeschoss der Seele ein Geheimnis unter Verschluss.”

Barcelona, am Ende des Jahres 1979. Der fünfzehnjährige Óscar Drai besucht ein Internat, sehnt sich jedoch danach, am pulsierenden und faszinierenden Leben in Barcelona teilzuhaben. So zieht es ihn immer wieder heimlich hinaus in die Gassen der Stadt.

Auf einem seiner Streifzüge durch die alten Villenviertel begegnet Óscar einem jungen Mädchen. Blond und blass scheint Marina so zart, als wäre sie nicht von dieser Welt. Óscar ist sofort von ihr fasziniert.

Zusammen mit Marina nimmt Óscar die Fährte einer geheimnisvollen Dame in Schwarz auf, nicht ahnend, was sie damit ins Rollen bringen. Gemeinsam werden die beiden in eine Geschichte voller Gefahr, Wut und Größenwahn gesogen. Eine höllische Verbindung von vernichtender Kraft, die alles Glück zu zerstören droht.

Doch auch Marina umgibt ein Geheimnis…

Marina” wurde bereits im Jahre 1999 in Spanien veröffentlicht, und hat nun, nach den bahnbrechenden Erfolgen des Autors Carlos Ruiz Zafón, seinen Weg auf den deutschsprachigen Markt gefunden.

Gleich zu Beginn: Sehr schön finde ich, dass der Verlag das Originalcover beibehalten und nur geringfügig bearbeitet hat, gibt es doch die Atmosphäre des Romans in meinen Augen perfekt wieder.

In diesem Roman entführt Zafón zum ersten Mal in sein geliebtes Barcelona, wie wir es aus “Der Schatten des Windes” und “Das Spiel des Engels” kennen und lieben. Nach drei Jugendromanen richtet er sich mit dieser Geschichte zum ersten Mal auch an eine breitere Leserschaft, jedoch lässt sich “Marina” recht schwer einordnen; schwebt eher zwischen Jugendbuch und Roman.

Marina” ist laut eigenen Aussagen der persönliche Liebling des Autors – nachzuvollziehen, gibt es doch deutliche Gemeinsamkeiten zwischen Zafón und seinem Helden Óscar Drai. Beide besuchten eine Jesuitenschule und durchstreiften in ihrer Freizeit die Stadt.

Gemeinsam mit Óscar entdeckt der Leser ein faszinierendes Stück Barcelona, stets schwebend zwischen Fiktion und Realität. Óscar ist ein Charakter, der schnell ans Herz wächst. Aufgrund der Tatsache, dass er diese Geschichte quasi selbst niederschreibt, fühlt man sich sofort mit ihm verbunden. Er ist keinesfalls perfekt, hat Wünsche, Träume und Ängst – und ist genau deshalb so ungemein menschlich und sympathisch.

Marina dagegen wirkt zunächst – vor allem auch aufgrund Óscars Beschreibung – fast schon ätherisch und elfenhaft. Doch schnell erweist sie sich als abenteuerliches Mädchen, das keineswegs auf den Mund gefallen ist und sich liebevoll um ihren Vater kümmert.

Gekonnt entführt Zafón in eine Geschichte, in der jedes Detail von Bedeutung zu sein scheint, eine Mischung aus Grusel- und Kriminalgeschichte, ein modernes Märchen. Oder doch nicht?

Mit dem ihm eigenen wundervollen, fesselnden Schreibstil voller fantastischer Formulierungen schafft es Zafón einen wahren Sog zu entwickeln, dem sich der Leser kaum mehr entziehen kann. Voller Staunen deckt man zusammen mit Óscar und Marina immer mehr Geheimnisse auf – tödliche, gefährliche und doch auch unglaublich berührende und tragische Geheimnisse.

“Vor meinem Fenster ging Barcelona in scharlachroten Schatten auf, ein Wald aus Antennen und Zinnen.”
(Marina, S. 26)

Bücher, bei denen mir allein aufgrund der sprachlichen Schönheit die Tränen in die Augen steigen, sind selten. Doch “Marina” ist es gelungen, genau diese Reaktion bei mir auszulösen. Ein wunderbares Buch. Wer bisher noch kein Werk von Zafón gelesen hat, dem sei dieses Werk ans Herz zu legen. Liebhabern des Autors natürlich ebenso.

Marina von Carlos Ruiz Zafón
Marina
352 Seiten (Hardcover)
Verlag: Fischer
Erschienen: April 2011
ISBN: 978-3100954015
19,95 €

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Fischer-Verlag und Vorablesen für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

[Rezension] Mandy Hubbard: Ripple

Lexi ist verflucht. Vor zwei Jahren, an ihrem sechzehnten Geburtstag, änderte sich ihr Leben plötzlich von Grund auf. Denn an diesem Tag rief zum ersten Mal das Meer nach ihr, brachte sie dazu ein betörendes Lied zu singen und ihren Freund Steven zu ertränken.

Seitdem ist nichts mehr wie es einmal war. In der Schule gilt Lexi als Außenseiterin, all ihre damaligen Freunde haben sich nach dem Vorfall am Strand gegen sie gewendet, allen voran ihre damals beste Freundin Sienna, Steven’s Schwester. Doch sie hat gelernt, damit zu leben. Jede Nacht fährt Lexi hinaus an einen einsamen See, um zu schwimmen. Denn gibt sie dem Ruf des Wassers nicht nach, werden die Schmerzen unerträglich.

Doch auf einmal beginnt Cole, der beste Freund Steven’s, wieder mit Lexi zu reden. Entgegen ihrer eigenen Regeln, beginnt sie sich langsam wieder zu öffnen, und Gefühle zuzulassen. Aber kann eine Liebe zu einem Menschen überhaupt funktionieren? Mit dem Auftauchen von Erik ändert sich plötzlich alles…

Hat Lexi tatsächlich die Chance auf ein normales Leben? Und wenn ja, zu welchem Preis?

Mit “Ripple” wagt sich die amerikanische Autorin Mandy Hubbard, Schöpferin von Werken wie “Prada & Prejudice” und “You Wish“, zum ersten Mal in den Bereich der Romantic Fantasy vor und widmet sich einem zumindest auf dem deutschen Buchmarkt noch nicht allzu sehr präsenten Thema: Meerwesen.

Lexi ist ein wunderbarer Charakter, den ich persönlich von der ersten Zeile an ins Herz geschlossen habe. Geschrieben aus der Perspektive dieses jungen Mädchens, schafft es die Autorin, Lexi’s Gefühlswelt mehr als glaubhaft darzustellen. Gefangen in ihrer eigenen kleinen Hölle, kämpft sie sich seit zwei Jahren durch das Leben, lässt all die Mobbing-Attacken ihrer ehemaligen Freunde klaglos über sich ergehen und muss mit den Schuldgefühlen leben, die sie seit jenem Abend am Strand tagtäglich heimsuchen. Einziger Lichtblick ist ihre Großmutter, die jedoch nicht weiß, dass Lexi seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihren Freunden hat. All dies lässt Lexi zunächst sehr düster erscheinen, sehr traurig, und doch so unglaublich real und greifbar.

Als Cole plötzlich wieder anfängt mit Lexi zu sprechen, scheinen sich die Schatten, die sie umgeben, etwas zu lichten. Als Leser wird einem schnell klar, das Cole romantische Gefühle für Lexi hegt, und das obwohl Hubbard auf kitschig-romantische Formulierungen verzichtet.

Mit dem Auftreten von Erik entwickelt sich die gesamte Geschichte zu einer Art Dreiecks-Geschichte. Unglaublich gutaussehend ist er sogleich ein wahrer Mädchenschwarm, und auch Lexi kann sich seiner Anziehungskraft nur schwer entziehen.

Obwohl es sich hier eindeutig um Romantic Fantasy handelt, gelingt es Hubbard, die eigentliche Romanze unglaublich real darzustellen. Lexi’s Schicksal als Sirene ist stets präsent, doch Hauptaugenmerk wird ganz klar auf die Beziehung zwischen ihr, Cole und Erik, sowie die erneute Annäherung an Sienna. Über allem schwebt jedoch ständig ein Hauch von Gefahr und Magie.

Hubbard’s wirklich fesselnden Schreibstil, der frei von blumigen und kitschigen Formulierungen ist, gelingt es “Ripple” zu einem ungemein spannenden Buch zu machen. Lexi’s Geschichte fasziniert, vor allem auch, da sie nicht das kleine schwache Mädchen ist, das sich ohne die Dinge zu hinterfragen sofort in die Arme eines gutaussehenden jungen Mannes fallen lässt. Ihre Vergangenheit hat sie über Nacht erwachsen werden lassen, und genau das spürt man deutlich in jeder ihrer Handlungen.

Ripple” ist definitiv eines meiner absoluten Highlights in diesem Jahr. Eine düstere und doch wunderschöne Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und begeistert. Voller Gefühl, gewürzt mit einer Prise Gefahr und versehen mit liebevoll ausgearbeiteten, glaubhaften Charakteren. Ein absolutes Muss!!

Ripple von Mandy Hubbard
260 Seiten (Hardcover)
Verlag: Razorbill
Erschienen: Juli 2011
ISBN: 978-1595144232
ca. 12 €

[Rezension] James Dashner: Die Auserwählten – Im Labyrinth

Als Thomas in einem dunklen Lift erwacht, ist sein Name das einzige, woran er sich noch erinnern kann. Seine restlichen Erinnerungen erscheinen wie ausradiert.

Doch Thomas ist nicht alleine. Denn als sich die Türen des Lifts öffnen, findet er sich umgeben von Jungen, die ihn auf der Lichtung willkommen heißen. Ganz wie er können sie sich an nichts erinnern. Alles was sie wissen ist, dass sich jeden Morgen das Tor zum Labyrinth öffnet, das die Lichtung umgibt, und sich am Abend wieder schließt. Es gibt regelmäßige Lieferungen mit Nahrungsmitteln… Und alle 30 Tage kommt ein neuer Bewohner auf die Lichtung.

Alles scheint einem festen Plan zu unterliegen. Doch dann ändert sich plötzlich alles. Und eines ist klar: Sie müssen einen Ausweg  finden, und das schnell. Aber das Labyrinth birgt tödliche Gefahren und Geheimnisse – von denen Thomas mehr zu wissen scheint als die Anderen…

Die Auserwählten: Im Labyrinth” ist der erste Band der neuesten Buchreihe des amerikanischen Autors James Dashner, und gleichzeitig das erste Werk des Bestseller-Autors auf dem deutschen Buchmarkt.

Allein das Cover zeigt schon deutlich, dass der Leser es hier nicht mit einer locker-leichten Geschichte zu tun bekommt. Kontrolliert und kalt der Blick des Jungen, der sich regelrecht in den Betrachter hineinzubohren scheint… Und mit seinen labyrinthartigen Strukturen recht gut zur Handlung passt.

Wie Thomas, so wird auch der Leser mitten hinein in eine Welt geworfen, von der er nicht die leiseste Ahnung hat. Fremde Jungen, die mit seltsamen Begriffen wie Strunk, Neppdepp und Klonk um sich werfen und sich selbst Lichter nennen – passend zur Lichtung, auf der die Jungen leben. Eben diese Lichtung scheint der einzige Ort zu sein, an dem man sich sicher fühlen kann. Denn draußen im Labyrinth lauern Gefahren, die man sich nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen vorzustellen vermag.

Thomas als Hauptperson ist zwar das perfekte Bindeglied zwischen Leser und Handlung, bleibt jedoch ein Rätsel. Denn zum einen kann er sich an nichts mehr als seinen Namen erinnern – seine Vergangenheit, sein Alter, seine Eltern, alles scheint verloren – zum anderen aber weiß er Dinge über die Lichtung und das Labyrinth, die er gar nicht wissen kann. Und warum kommt Thomas einigen Jungen bekannt vor?

Dashner wählt hier ganz bewusst nicht die Ich-Perspektive als Erzählmittel, sondern bleibt auf Distanz. Und genau das ist einer der Gründe, warum dieses Buch so ungemein faszinierend ist, denn der Leser hat eben nicht den vollkommenen Einblick in die f der Hauptperson, und so bleiben nicht nur das Labyrinth sondern auch Thomas ein Rätsel.

Doch auch die Nebencharaktere weisen allesamt Potential auf, sind entweder sympathisch oder verhasst, und haben doch alle eine ganz eigene Persönlichkeit und wirken keineswegs wie Lückenbüßer. Sie wachsen ans Herz, mit all ihren guten und schlechten Seiten, und gerade Minho hat das Zeug, zum heimlichen Helden der Geschichte aufzusteigen.

Dem Autor gelingt es dank seines klaren und direkten Schreibstils, die bedrückende Atmosphäre dieses Buches perfekt zu vermitteln. Die Geheimnisse des Labyrinths, die teilweise erschreckend-nüchterne Grausamkeit der Jungen, das Gefühl unter Beobachtung zu stehen – all diese Dinge sind greifbar, wirken ungemein real und jagen dem Leser durchaus den ein oder anderen Schauer über den Rücken.

Trotz allem sind mir auch ein paar Kleinigkeiten negativ aufgefallen. Zum einen scheint Dashner eine Vorliebe für die Formulierung “Gut, das.” zu haben. Die Häufigkeit dieser beiden Worte ist mir nach etwa einem Drittel des Buches ziemlich sauer aufgestoßen. Und auch das Ende ist leider vorhersehbar, denn dem aufmerksamen Leser werden wahrscheinlich die entsprechenden Details nicht entgehen, die zur Auflösung der Geschichte führen, und leider viel zu früh in die Handlung eingestreut werden.

Die Auserwählten: Im Labyrinth” ist ein mehr als gelungener Auftakt zu einer durchaus vielversprechenden Reihe. Eine spannende Geschichte, voller Rätsel und Gefahren, einer interessanten Hauptperson und liebenswerten und vor allem starken Nebencharakteren. Ein Buch, das positiv aus all den aktuellen Jugendbuchveröffentlichungen heraus sticht und definitiv einen Blick wert ist.

Die Auserwählten: Im Labyrinth von James Dashner
The Maze Runner
496 Seiten (Hardcover)
Verlag: Chicken House (Carlsen)
Erschienen: April 2011
ISBN: 978-3551520197
16,95 €

Vielen herzlichen Dank an Chicken House und Buchbotschafter.de für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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